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ATHEN/ Theater Attis: NORA – Studie über Ibsen

05.01.2020 | Theater

Theater Attis, Athen: NORA 

Besuchte Vorstellung am 4. Januar 2020

Studie ueber Ibsen

Theodoros Terzopoulos ist einer der wichtigsten griechischen Theaterregisseure und einer, der sich in ganz besonderer Weise auf seine Arbeit und Methode konzentriert. „Die Basis meiner Arbeit sind der menschliche Koerper und die Stimme, sowie Konzentration‘, hat er einmal bemerkt. In der Tat ist seinen Inszenierungen ein physisch-vokaler Ausdruck zueigen, der einzigartig ist. Seine Methode des Theatermachens wird mittlerweile an zahlreichen Instituten unterrichtet, sie ist ebenso in umfangreichen Publikationen dokumentiert. Terzopoulos arbeitet viel im Ausland, in Russland und in China etwa. In Athen betreibt er das Theater Attis, das unter Theaterkennern Kultstatus geniesst. Dort ist nun seine Inszenierung von Henrik Ibsens „Nora“ zu sehen.

Ibsens „Nora“ kommt im Theater Attis als Studie oder Fragment auf die Buehne. Theodoros Terzopoulos hat das Personal auf die drei Schluesselfiguren Nora, Torvald und Nils Krogstad zusammengestrichen. Dieses Trio bewegt sich in einem vom Regisseur entworfenen Buehnenraum, der (beinahe) kein Entkommen zulaesst. Ein schwarzes Podest mit einer Reihe von 14 schmalen Drehtueren, die auf der einen Seite weiss und auf der anderen schwarz gestrichen sind, ist der Schauplatz einer aeusserst konzentrierten und verdichteten Auffuehrung. Alles dreht sich um das Geheimnis, welches auf Nora lastet, um die Schulden, welche die frischgebackene Ehefrau bei Krogstad machte, um dem gesundheitlich angeschlagenen Gatten und seiner Familie einen einjaehrigen Italienaufenthalt zu ermoeglichen. Der Buehnenraum, der staendige Bewegung und Wechsel bedingt, dient gleichsam als puppenhaus- oder gruftaehnliche Echokammer der psychischen Situation, in welcher sich Nora und die beiden Maenner befinden. Gestik, Mimik und Stimme geben in diesem Setting in eindrucksvollen Koerper- und Klangbildern die Verfasstheit der Figuren wieder. So sieht man etwa zu Beginn wie Nora mit den Haenden ihre lange Haare hochzieht, sich gleichsam an den Haaren hochzuziehen scheint. Diese Haltung laesst sich mit der puppenhaften Selbstdarstellung der Heldin zusammenbringen. Krogstad taucht immer wieder und scheinbar ueberraschend auf der Bildflaeche auf und sei es nur um ein daemonisches Grinsen zu zeigen. Torvald ist als jemand gezeichnet, der sich in Distanz zu seiner Frau befindet, der sie im Grunde nicht kennt bzw. nicht kennen will. Terzopoulos gelingt es, das Geschehen in einen bitter-schoenen Reigen zu verwandeln, der Aengste und Abgruende ans Licht bringt. Wenn Nora sich am Ende der rund 70minuetigen Auffuehrung aufmacht, Torvald zu verlassen, wird dieser Moment in einem vielsagenden Bild festgehalten: Nora robbt unter einem schwarzen Mantel begraben vom Buehnenpodest herunter. Es scheint kein rechtes Entkommen aus dem Puppenheim zu geben.

Die bis ins letzte Detail durchgeformte Inszenierung wuerde nicht funktionieren, wenn der Regisseur nicht ausgezeichnete Schauspieler zur Verfuegung haette. Sofia Hill gestaltet mit jeder Faser ihres Koerper und eindrucksvoller Stimme die Titelrolle. Sie wird zum faszinierenden Bild einer von Lebensluegen deformierten, zerruetteten Person. Tasos Dimas als Krogstad erscheint daneben wie ein Daemon, ein Schattenwesen, das bisweilen – was ein Zufall sein mag – an Nosferatu erinnert. Dimas‘ mimischer Ausdruck ist dabei grossartig. Antonis Myriagos als Torvald schliesslich verkoerpert mit geschmeidigen Bewegungen den auf sich selbst bezogenen Mann, der keine wirkliche Beziehung zu seiner Frau aufbauen konnte. Beide Maenner umschleichen die Frau wie Raubtiere ihr Opfer. Der stark gekuerzte Text ist bei alledem fast nicht noetig zum Verstaendnis des Geschehens – ein Fazit, das ausdruecklich als Kompliment an Terzopoulos und sein Team verstanden werden will.

Am Schluss gibt es anhaltenden Beifall und vereinzelte Bravorufe fuer die grossartigen Schauspieler.

Ingo Starz (Athen)

 

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