Onassis Stegi, Athen : Tiago Rodrigues: Catarina and the Beauty of Killing Fascists
Besuchte Vorstellung am 4. Dezember 2023
Ein politisches Lehrstück

Der portugiesische Autor und Regisseur Tiago Rodrigues ist einer, der für drängende Fragen unserer Zeit Worte findet. Er ist ein Dramatiker, der uns mit starken Erzählungen in seinen Bann ziehen kann. Rodrigues‘ Stück „Catarina and the Beauty of Killing Fascists“ (dt: Catarina und die Schönheit, Faschisten zu töten) ist schon viel in Europa herumgekommen. Es war auch an den Wiener Festwochen zu erleben. Nun kam die sprachgewaltige Aufführung nach Athen und wurde von Onassis Stegi dem griechischen Publikum präsentiert – einem Publikum mit durchaus ähnlichen historischen Erfahrungen. Konnten die Griechen der von Rodrigues erzählten ritualartigen Tötung von Faschisten etwas abgewinnen?
Das Stück „Catarina and the Beauty of Killing Fascists“ erzählt von einem jährlichen Familienritual, der Entführung und Ermordung eines Faschisten oder sagen wir eines rechtspopulistischen Politikers. Das Ritual hat seinen Ursprung mehr als 70 Jahre zuvor, als eine Ahnin ihren politisch opportunistischen Gatten im Gedenken an ihre von den Faschisten gemordete Freundin Catarina tötet. Das Faschistentöten setzt sich in der Familie fort bis an den Punkt, wo die Handlung des Stücks einsetzt. Nun zeigt sich nämlich, dass ein Familienmitglied, welches als Täter an der Reihe wäre, sich der Tat verweigert. Diese Konstellation nutzt Rodrigues für eine vielschichtige, dialogreiche Debatte um Für und Wider des blutigen Rituals. Da tun sich denn auch interessante Risse in der Familiengemeinschaft auf. Keiner geht aus den hitzigen Diskussionen als Sieger hervor, weil eben auch keiner am Schluss überlebt. Wegen eines Fehlers der jungen Frau, die sich der Tötung verweigert, wird die Familie aufgespürt und deren Mitglieder nacheinander abgeschossen. Übrig bleibt der befreite Faschist, der nun zu einer langen Rede ansetzt, die bewusst Publikumsreaktionen hervorrufen will. Es dauerte etwas bis die Athener der üblen rechten Rhetorik überdrüssig wurden, aber dann führten Zwischenrufe zum Ende des Politikerauftritts auf der Bühne. Ein starkes Stück ist das. Und es ist leider von erheblicher Aktualität.
Das Geschehen, welches auf der Bühne von F. Ribeiro um einen Baum inmitten eines Hauses – die Ursprungstat markierend – herum angesiedelt war, wurde eher traditionell erzählt. Dies geschah jedoch in überzeugender Weise. Der grossartige Text konnte sich bestens entfalten. Dazu trug auch das erstklassige Ensemble bei: ISABEL ABREU, ROMEU COSTA, ANTÓNIO FONSECA, BEATRIZ MAIA, MARCO MENDONÇA, ANTÓNIO PARRA, CAROLINA PASSOS SOUSA & RUI M. SILVA.
Es war ein Theaterabend, der wie ein Tribunal über ein zentrales Thema unserer Zeit daherkam.
Das Publikum reagierte mit grosser Begeisterung auf die überaus anregende Aufführung.
Ingo Starz (Athen)

