Onassis Stegi, Athen
Verbrechen und Strafe
Besuchte Vorstellung am 25. März 2023
Verfilmt und Verspielt

Copyright: Onassis Stegi
Es war vor wenigen Jahren, als Vassilis Bisbikis in einem verlassenen Industrieareal einer unwirtlichen Athener Gegend John Steinbecks Roman „Von Mäusen und Menschen“ auf die Bühne brachte. Und diese Bühne war in gewissem Sinne die Stadt, eine vernachlässigte Nachbarschaft. Der Regisseur setzte den Text konsequent realistisch in Szene, nutzte den authentischen Ort sehr geschickt. Das deklamatorische Sprechen, welches zu oft griechische Theateraufführungen beherrscht und bestimmt, war hier nicht anzutreffen. Alles war rauh und dreckig: Der Ort, das Spiel und die Sprache. Bisbikis‘ Inszenierung sorgte für Aufsehen und wurde oftmals vor vollem Haus gespielt. Nun zeigt der Regisseur auf der grossen Bühne von Onassis Stegi seine Adaption von Fjodor Dostojewskis Roman „Verbrechen und Strafe“. Die Inszenierung trägt im Titel den Zusatz „Athen“. Wie zeitgenössisch und realistisch präsentiert sich der Blick auf den Klassiker?

Copyright: Onassis Stegi
In drei Stunden (inklusive Pause) breiten Bisbikis und Giannis Melitopoulos, die zusammen die Adaptation des Romans vorgenommen haben, das Geschehen um Raskolnikow, der nun Michalis heisst, vor den Augen der Zuschauer aus. Die Vorlage wurde gut zusammengekürzt, die Hauptfiguren und wesentliche Handlungsmomente bleiben erhalten. Die philosophischen Aspekte des Werks treten notgedrungen etwas zurück, sind aber weiterhin vorhanden – vielleicht bisweilen zu stichwortartig abgehandelt. Insbesondere die eingespielten Filmszenen (Filming: Filippos Zamidis), in welchen die Hauptfigur durch das Athener Zentrum streift, dienen als Reflektionsebene. Am Anfang wird so auch etwas brachial die Brücke von Dostojewski zur Gegenwart geschlagen, wenn von Nietzsche und Auschwitz die Rede ist. Die Gegenwart ist ein Filmset auf der Bühne. Das Publikum schaut Dreharbeiten zu. Das schafft Distanz und macht das Geschehen nicht plausibler oder gar realistischer. Athen ist auf der Bühne ein Puppenhaus. Da symbolische Handlungsmomente nicht ausbleiben, erreicht die Szenerie, die Kenny MacLellan entworfen hat, auch im Spiel keinen hohen Realitätsgrad. Oder soll uns das Filmstudio auf der Bühne sagen, dass Realismus hier nicht geht? Auch die im Stadtraum gefilmten Szenen wirken seltsam leer. Will uns Bisbikis bewusst vorführen, dass Realismus auf der Bühne nur Täuschung und Reflektion ist?
Die als entstehender Film auftretende Handlung gewinnt so leider wenig Energie, in Ausdruck und Inhalt zu wenig Tiefe. Das grosse Ensemble um Thodoris Skyftoulis als Michalis vermag die Figuren nicht genügend zu profilieren. Starke theatrale Momente sind rar. Dass man sich als Zuschauer nicht langweilt, verdankt sich vor allem Dostojewski. Skyftoulis gelingt es nicht, den intellektuellen Furor von Michalis alias Raskolnikow anschaulich werden zu lassen. Unterwelt und Polizei sind recht holzschnittartig, fast klischeehaft gezeichnet. Marmeladow, der hier ein russischer Immigrant ist, und seine Tochter Sonja weisen immerhin mehr Leben und Glaubwürdigkeit auf. Cezaris Graužinis und Errika Bigiou zeigen in diesen Rollen gute Leistungen. Vassilis Bisbikis‘ Inszenierung bietet solides Handwerk und zeigt das Vermögen, eine komplexe Handlung auf Hauptmomente zu konzentrieren. Sie zeigt aber – trotz gewisser textlicher Referenzen – zu wenig Athener Gegenwart. Was wir auf der Bühne sehen, kommt uns einfach nicht nahe.
Das Publikum dankt dem grossen Ensemble mit starkem Beifall.
Ingo Starz (Athen)

