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ATHEN/ Onassis Stegi: Robert Icke „OEDIPUS“. Ein zu wortreicher Wahlabend 

31.12.2025 | Theater

Onassis Stegi, Athen : Robert Icke: Ödipus 
Besuchte Vorstellung am 28. Dezember 2025

Ein zu wortreicher Wahlabend 

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Copyright. Onassis Stegi

Bevor Robert Ickes „Ödipus“ im November seine Premiere auf der grossen Bühne von Onassis Stegi feierte, gab es ein öffentliches Gespräch mit dem Autor, eine sogenannte Masterclass. Icke sprach bei dieser Gelegenheit von seinem lange zurückreichenden Interesse an der griechischen Antike. Er berichtete, wie er sich bei der Neuschreibung der antiken Tragödie intensiv mit einem Philologen über den antiken Text austauschte. Man spürte seinen Enthusiasmus, sein grosses Interesse am Gegenstand. Als Zuhörer verliess man das Gespräch mit grosser Neugierde auf die kommende Aufführung und hohen Erwartungen. Wenn sich letztere beim Aufführungsbesuch nicht recht erfüllt haben, liegt das wohl gerade an der Textbesessenheit Ickes, die einfach für alles, was die Vorlage bietet, eine neue Sprache, eine Entsprechung finden will und dabei streckenweise zu viel erklärt und langatmig gerät. Das ist bedauerlich, weil der Autor ein wirklich überzeugendes Setting für seinen zeitgenössischen „Ödipus“ gefunden hat.

Der von Robert Icke verfasste und inszenierte „Ödipus“, der schon andernorts mit grossem Erfolg gezeigte wurde, spielt an einem Wahlabend. Ein Land wählt seinen Präsidenten. Das Bühnenbild von Hildegard Bechtler und die Kostüme von Wojciech Dziedzic zeigen überzeugend eine Wahlkampfzentrale und ihr auf das Ergebnis wartende Personal. In diesem Prozess des Wartens auf die Präsidentschaft entfaltet sich Schritt für Schritt die persönliche Tragödie von Ödipus und Iokaste, welche als aufopferungsvolle Politikergattin gezeichnet ist. Kreon ist der umtriebige Wahlkampfmanager, Teiresias ein prophetischer Outsider. Unter Ödipus‘ Kindern erweist sich kaum überraschend Antigone als aufmüpfiger, gerechtigkeitsliebender Teenager. Wie in der antiken Tragödie kommen die Details von Ödipus‘ wahrer Identität nach und nach ans Licht. Alles startet damit, dass der in die Elite eingeheiratete Präsidentschaftskandidat verspricht, seine Geburtsurkunde zu präsentieren. Das Setting, darf man sagen, verspricht einen politischen Thriller und interessante Details sorgen für in der Tat überraschende Wendungen. Interessanterweise bietet der Autor neben dem tragischen Ende noch eine Alternative, ein Weiterleben und -machen. Das Problem von Robert Ickes „Ödipus“ ist jedoch seine Sprache beziehungsweise die allzu lang geratenen Passagen, in denen Familienverhältnisse und Zusammenhänge erklärt werden. Diese Textfülle bremst den vermeintlichen Familienthriller leider mehr als einmal aus. Das ist bedauerlich, weil Icke als Regisseur das Ensemble überzeugend zu führen weiss. Einige Textkürzungen hätten dem Theaterabend gut getan. 

Rundum erfreulich sind die schauspielerischen Leistungen des grossen Ensembles. Nikos Kouris und Karyofyllia Karabeti als Ödipus and Iokaste stehen dabei im Zentrum und sie ragen auch darstellerisch heraus. Beiden gelingt es eindringlich, das Gefühlsleben der Figuren auf die Bühne zu bringen. Vielleicht, doch dies fällt kaum ins Gewicht, ist der Zusammenbruch und die Selbstblendung Ödipus‘ etwas überzeichnet dargestellt. Neben den beiden Hauptdarstellern überzeugen alle weiteren Beteiligten: 

Lazaros Georgakopoulos, Rania Oikonomidou, Kostas Nikouli, Socratis Patsikas, Takis Sakellariou, Chara Giota, Giorgos Ziakas, Giannis Tsoumarakis und Danai-Arsenia Filidou. Trotz der erwähnten Einschränkung erlebte man in Onassis Stegi einen starken Theaterabend.

Das Publikum reagierte ziemlich begeistert auf diesen „Ödipus“ und spendete viel Beifall und Bravorufe. 

Ingo Starz (Athen)

 

 

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