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ATHEN/ Onassis Stegi: Onassis Dance Days – Spuren der Geschlechter

08.02.2026 | Ballett/Performance

Onassis Stegi, Athen 
Onassis Dance Days 
Besuchte Vorstellungen am 5. & 6. Februar 2026

Spuren der Geschlechter 

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Die Onassis Dance Days sind ein fixes Datum im Athener Kulturkalender. Sie bieten neben Neuproduktionen junger griechischer Choreografinnen und Choreografen immer auch das Gastspiel einer internationalen Produktion. Die Tanztage laden das Publikum zu einer Entdeckungsreise ein und bieten den Künstlern Gelegenheit zum Austausch. Ausserdem tut Onassis Stegi viel für die Promotion der jungen Talente, indem die Institution eine beachtliche Anzahl von Kuratorinnen und Kuratoren nach Athen einlädt. Dies hat in den letzten Jahren zu einer vermehrten Präsenz griechischer Tanzproduktionen auf internationalen Bühnen beigetragen. 

Das Publikum kann sich, wenn gewollt, das ganze Programm an einem langen Abend anschauen, da die Arbeiten hintereinander gespielt werden und drei verschiedene Bühnen genutzt werden. Das Gastspiel wird auf der Grossen Bühne gegeben, die neuen, etwa 40 Minuten dauernden Werke werden im flexibel nutzbaren Untergeschoss und auf der Kleinen Bühne getanzt. Das Programm ist, könnte man sagen, als Parcours angelegt. 

Elena Antoniou schaut in ihrer Choreografie „Ode“ zusammen mit der Musikerin Maria Spivak auf Momente, wo Weiblichkeit, Verletzbarkeit und erotische Ausstrahlung zu Stärken werden. Sie zeigen eine rockige Musikperformance, die gleichsam in ihre Einzelbilder zerfällt. Der Betrachter wird so dazu aufgefordert, seine Wahrnehmung kritisch zu reflektieren. Körperbewegungen und Mimik zeigen mit Vehemenz eine weibliche Präsenz im Akt der Selbstbefreiung. Katerina Foti begibt sich in ihrer Arbeit „(Rest in) Blue“ auf eine Reise in die Vergangenheit. Das Setting zeigt abgedecktes Mobiliar, einen verstaubten Speicher. Die Choreografin und Tänzerin entdeckt Gegenstände aus ihrem vergangenen Leben. Und ihr Körper beginnt sich zu erinnern. Efthimios Moschopoulos‘ Choreografie „Fâe“ spielt ebenfalls mit persönlichen Erinnerungen. Ein Bauernleben kommt einem beim Blick auf das Setting in den Sinn. Die Arbeit ist verspielt und nutzt den Raum auf interessante Weise, gewinnt aber nicht die Prägnanz der beiden anderen Werke.

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Den grössten Publikumszulauf erfährt das Gastspiel, Marlene Monteiro Freitas‘ „NÔT„, das im vergangenen Sommer das Festival in Avignon eröffnet hatte. Die Choreografin hat sich die Geschichtensammlung „Tausendundeine Nacht“ als Vorlage oder besser Anregung genommen. Sie verwebt assoziativ Elemente aus der Sammlung von Abenteuer- und Liebesgeschichten mit teils erotischem Charakter. Das Tanzstück taucht ein in eine Nacht voller wundersamer Momente. Die Betten und das Zubettgehen, die Gesichter und die Masken, die Schlaginstrumente auf der Bühne und die eingespielte Musik: Alles trägt zu einer Atmosphäre der Verwandlung,  des Übergangs bei. Eine von Scheherazade erzählte Geschichte scheint sich in dieser choreographierten Assemblage wiederzufinden. Die Geschichte nämlich von  König Schahriyar, der beschließt, Frauen nur noch für jeweils eine Nacht zu heiraten, um seine sexuellen Bedürfnisse zu stillen, und am nächsten Tag aus Angst vor Ehebruch zu ermorden. Zu diesem erzählerischen Aspekt des Abends passt auch die Musik, die im Zentrum der Aufführung steht: Igor Strawinskys Tanzkantate „Les Noces“, in welcher es um Vorbereitungen und Durchführung einer Hochzeit geht. Mit der auf Perkussion und Gesang ausgerichteten Musik des russischen Komponisten geht Monteiro Freitas‘ nächtliche Erkundung eine innige Verbindung ein. Die Choreografin entwirft in „NÔT“ eine faszinierende Szenenfolge, einen Strom von Metaphern, der in seinen verdichteten Momenten an Miniaturen alter Handschriften erinnert. Ein komplexes, gedankenreiches Werk.

Das animiert mitgehende Publikum beklatscht die neuen Choreografien heftig und feiert lautstark die Arbeit von Marlene Monteiro Freitas.

Ingo Starz (Athen)

 

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