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ATHEN/ Onassis Stegi: MATCHBOX – das Musical

19.12.2022 | Operette/Musical

Onassis Stegi : Matchbox. Das Musical

Besuchte Vorstellung am 18. Dezember 2022

Vom Filmexperiment zum B-Musical 

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Das griechische Selbstverständnis hat bis heute viel mit den durch Familie, Nation und Kirche bestimmten Parametern zu tun. Es ist nicht leicht, sich von diesen freizumachen. Künstler thematisieren regelmässig mit kritischem Blick die Komponenten griechischer Identität. Yannis Economides hat sich in seinem Film „Matchbox“ aus dem Jahr 2002 mit Familienverhältnissen auseinandergesetzt. Wer diesen gesehen hat, wird ihn schwerlich vergessen. Und das liegt liegt vielleicht weniger an Economides‘ analytischem Blick als an der Lautstärke der Sprechenden. Griechische Familienmitglieder schreien im Film einander an und dies fast pausenlos. Die Extreme südländischen Temperaments in Dezibel auskostend, rückt der Filmemacher Defizite beim Zuhören und Kommunizieren ins Blick- und noch mehr ins Hörfeld. Wer schreit, hat Unrecht – diese Binsenweisheit bestägt sich wiederholt in diesem Film. „Matchbox“ zeigt das Zerrbild einer Familie der unteren Mittelklasse, welches aggressiv und subversiv eine Säule der griechischen Gesellschaft dekonstruiert. 

Was bleibt von den Wortschlachten des Films übrig, wenn man das Geschehen in einen musikalischen Rahmen setzt? Darüber muss der Regisseur Yannis Economides lange nachgedacht haben, hört man doch, dass er zunächst mit der griechischen Nationaloper im Gespräch war, bevor er sich entschloss, Onassis Stegi den Zuschlag für ein Musical zu geben. Die Handlung des Bühnenwerks folgt eng dem Film (der Filmemacher hat am Libretto mitgewirkt). Das Dauerforte des Films wird in unterschiedliche künstlerischen Formen übersetzt. Es gibt nach wie vor Momente lauten Schreiens, daneben aber tritt Musik, die mal den Lärm aufgreift, aber meistens mit allen möglichen Formen in Griechenland verbreiteter Musik spielt. Vor allem aber werden die Figuren stark überzeichnet, so dass sie oft wie Karikaturen ihrer selbst anmuten. Das Milieu, auf das der Film mit aggressivem Ton blickt, macht einer Freakshow Platz. Sicher, es gibt reichlich Referenzen zu griechischer Alltagskultur. Das Experiment des Films jedoch mutiert, und das ist wirklich zu bedauern, zu einer Art B-Musical. Die Musik von Yiannis Niarros und Alexandros Livitsanos erweitert den gesprochenen Lärm und zitiert vom Rap bis zur Oper etliche Genres, gewinnt aber weder Prägnanz noch Eigengewicht. Das Bühnensetting von Eva Goulakou, das die Musiker geschickt szenisch integriert, zeigt Sofagruppe, Küchenecke und Rooftop. Mehr braucht es tatsächlich nicht für eine Familiensoap.

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Man kann der Produktion zu Gute halten, dass Schauspieler, Sänger und Musiker auf gutem Niveau agieren. Sie alle vermögen aber nur eine schwache Ahnung von den zerrütteten Familienverhältnissen, vom geschäftlichen Ehrgeiz des Vaters, der unbefriedigten sexuellen  Lust des Sohnes oder der Frustration der Mutter zu vermitteln. Es ist vor allem Giorgos Katsis als Sohn Loukas, der stark über die Rampe kommt – ein Rapper mit Anlage zur Comicfigur. Die Inszenierung von Yiannis Niarros bringt, wie schon erwähnt, die Familienmitglieder als Freaks auf die Bühne. Das Ensemble erfüllt in dem gesteckten Rahmen seine Aufgaben: Yannis Anastasakis als Familienoberhaupt Dimitris, Agoritsa Economou als Mutter Maria, Marios Sarantidis als Giorgos, Apostolos Psychramis als Vangelis, Nancy Sideri als Kiki, Dafni David als Margarita, Eleni Boukli als Angela sowie Vassilis Dimakopoulos, Danai Moutsopoulou und Theodosia Savvaki als Nachbarn. 

Onassis hat viel in die Produktion von „Matchbox“ und dessen Promotion als Aufführung der Saison investiert. Im Gratismagazin „Lifo“, der Nummer 1 auf dem griechischen Markt, wurde anlässlich der Uraufführung im November eine 64seitige Einlage geschaltet, die haarklein buchstäblich jedes Detail der Musicalproduktion erläutert. Was treibt Onassis Stegi dazu, ein solches Musical herauszubringen? Ist das einflussreiche Kulturzentrum wirklich an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem hiesigen Familienmodell und dessen gesellschaftlichen Folgen interessiert? Wohl kaum. Die Aufführung weist eher auf das Bemühen hin, ein Mainstream-Publikum zu erreichen. Noch vor wenigen Jahren bot das Programm von Stegi aufregende, innovative Theater- und Tanzproduktionen von griechischen und Internationalen Künstlern. Das scheint irgendwie vorbei zu sein. Onassis Stegi hat den Kurs geändert und dabei leider seinen (Qualitäts-)Kompass verloren. 

Das Publikum im grossen Saal von Onassis Stegi hat man schon enthusiastischer erlebt. Und natürlich, auch das Publikum ist ein anderes als früher.

Ingo Starz (Athen)

 

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