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ATHEN/ Onassis Stegi:  Christos Papadopoulos: LARSEN C. Gleich der Langsamkeit schwindenden Eises

10.10.2022 | Ballett/Tanz

Onassis Stegi 

Christos Papadopoulos: Larsen C

Besuchte Vorstellung am 9. Oktober 2022

Gleich der Langsamkeit schwindenden Eises

max

Der griechische Choreograf Christos Papadopoulos hat sich für seine jüngste Arbeit „Larsen C“, welche gerade eine zweite Aufführungsserie in Athen erlebte, vom ewigen Eis der Antarktis anregen lassen. Der Titel seiner rund 70-minütigen Choreografie nimmt Bezug auf das Larsen-C-Schelfeis, welches an der Ostseite der Antarktischen Halbinsel liegt. Der riesige Eisberg ist, wie Berichte in der jüngsten Vergangenheit deutlich machten, vom Klimawandel bedroht. Die schwimmende Eisfläche ist im Schwinden begriffen. Papadopoulos‘ Arbeit interessiert sich nicht für die Folgen des Klimawandels, sondern für die Langsamkeit, mit welcher sich das Eis bewegt. Die Bewegung der Naturform nimmt er als Metapher für das stete Vorangehen des Lebens und dessen unsichtbare Wirkkräfte.

Papadopoulos gestaltet einen Tanzabend, in dem Tänzerinnen und Tänzer gleichsam durch den dunklen Raum gleiten. Mit einem ausgefeilten Lichtdesign (Eliza Alexandropoulou ), einem abgehängten Vorhang im Bühnenhintergrund und der Verwendung von Nebelmaschinen lässt er Körper oder Teile davon auftauchen und verschwinden. Kleinteilige Bewegungsabläufe und Gesten suggerieren ein Fliessen der schwarz gewandeten Tänzer im Raum. Einzelne Körper treten in Erscheinung, Körper finden zueinander und agieren zusammen, der harmonische Lauf der Bewegungen bleibt ungestört, lediglich gestische Details und Tempo variieren. Im zweiten Teil des Abends kommt mehr Licht ins Bühnendunkel, schliesslich rückt eine einzelne Lichtquelle am Bühnenboden ins Zentrum des Geschehens. Der elektronische Sound (Giorgos Poulios) nimmt nun die Anmutung einer Orgel an. Bewegungen des Ensembles erzeugen dunkle Strahlen, die sich in den Zuschauerraum ergiessen. Ein kurzes Solo beschliesst die Choreografie. Das Design der Aufführung zeigt, und das ist fraglos eine Qualität, eine bemerkenswerte Perfektion und Sensibilität für atmosphärische Wirkungen.

Die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne fügen sich hervorragend in das streng gewobene formale Konzept ein. Maria Bregianni, Chara Kotsali, Georgios Kotsifakis, Sotira Koutsopetrou, Tasos Nikas, Ioanna Paraskevopoulou und Adonis Vais zeigen von fliessenden Bewegungen durchdrungene Körper. Die einzelnen Teile der Aufführung vermögen zu beeindrucken. Leider bleibt das Ganze, die Choreografie als solche zu sehr in Ästhetizismus und Virtuosität ihrer Elemente gelangen. Brüche oder tiefschürfende Erkenntnisse tun sich nicht auf. „Larsen C“ gleitet allzu sehr entlang einer glänzenden Oberfläche. 

Das Publikum brachte der Aufführung grosse Begeisterung entgegen.

Ingo Starz (Athen)

 

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