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ATHEN/ Onassis Stegi: „A Voracious Shadow“ von Mariano Pensotti. Söhne und Väter

22.04.2026 | Theater

Onassis Stegi, Athen 

Mariano Pensotti: A Voracious Shadow 
Besuchte Vorstellung am 19. April 2026

Söhne und Väter

mabo

Mariano Pensotti war bereits mehrfach von Onassis Stegi und vom Athens Epidaurus Festival mit Theaterarbeiten nach Athen eingeladen. Nun bringt er eine Arbeit mit zwei jüngeren griechischen Schauspielern auf die Kleine Bühne von Onassis Stegi. Das Publikum erlebt eine hintersinnige und temporeiche Performance, die permanent Erzähl- und Zeitebenen wechselt. Eine 90-minütige Erkundung von Realitäten.

Der argentinische Autor und Regisseur Mariano Pensotti erzählt in seinem Stück „A Voracious Shadow“ von zwei Söhnen. Da ist einerseits Yorgos, der als Bergsteiger Aufmerksamkeit auf sich zieht, und andererseits der Schauspieler Manos. Der eine folgt den Spuren seines beim Bergsteigen ums Leben gekommenen Vaters, der andere hat den Kontakt zu seinem, einem politischen engagierten Theatermann abgebrochen. Yorgos macht sich auf, den Annapurna zu besteigen, ein Unterfangen, an dem sein Vater tödlich scheiterte. Manos, dessen Gesundheit wegens des Vaterentzugs angeschlagen ist, erhält die Rolle seines Lebens: Er soll Yorgos in einer Verfilmung von dessen Buch spielen. In diesen Sätzen macht sich ein Zeitsprung bemerkbar, wie er sich in Pensottis Stück immer wieder ereignet. Der Theatermacher verschränkt zwei Leben, zwei Vater-Sohn-Geschichten. Er zeigt Männer, die sich in der Realität des anderen wieder- und neuerfinden. Die Selbstfindung von Manos kommt dabei gerade auch in dem Moment zu drastischem Ausdruck, wo er erschöpft und abgestürzt in einer Gletscherhöhle den gefrorenen Leichnam des Vaters findet. Der Sohn findet Rettung und bringt den toten Vater heim.

Und als ob das erfahrene Leben und der Film nicht genug wäre, bringt Pensotti noch eine literarische Ebene ins Spiel. Francesco Petrarcas Bericht „Die Besteigung des Mont Ventoux“ dient als Referenzpunkt der Performance. Yorgos‘ Vater diente es als Anregung und auch sein Sohn und dessen fiktives Alter Ego, nämlich der Schauspieler Manos, lesen den Text. Die Pointe dieser Referenz ist, wie sich gegen Ende der Performance herausstellt, dass Petrarca den Berg wohl nie bestiegen hat. Wiederum treten Realität und Erfindung verwirrend und Gedanken anregend nebeneinander. 

Kostas Nikouli als Yorgos und Giannis Niarros als Manos sind in jeder Hinsicht eine Idealbesetzung. Gekonnt changieren sie zwischen den Realitäten und Rollen und erfüllen die Bühneninstallation mit Leben. Das stärkste Bild ist wohl das, wo die reale Bergsteigung von Yorgos mit der vor die Kamera gesetzten von Manos enggeführt wird. Der körperliche Akt und das Sprechen, welche eine dritte, „performative“ Ebene einbringen, werden zum eindringlichen Höhepunkt eines spannungsreichen Abends. Pensotti reflektiert am Beispiel eines verstorbenen Bergsteigers, seines ihm nacheifernden Sohnes und eines den Sohn darstellenden Schauspielers, dass es mit der Realität eine schwierige, uneindeutige Sache ist. Wo endet das wahre Geschehen und wo beginnt die Fiktion? Der Film, so wird uns erzählt, scheitert, weil das Publikum die Geschichte, die auf der Leinwand heroischer ausfällt als im wahren Leben, nicht für glaubhaft hält. In Zeiten von Fakenews and Deepfakes bietet dieser grossartig konzipierte und ausgeführte Abend viel Anregung. Und er ist dabei auch ungemein unterhaltend. 

Das Publikum am Ende feiert die beiden jungen Schauspieler lautstark. Und das völlig zu Recht. 

Ingo Starz (Athen)

 

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