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ATHEN/ Onassis Cultural Centre: ROB – Der Menschenfreund als Serienkiller

21.01.2018 | Theater

Onassis Cultural Centre, Athen
Rob
Besuchte Vorstellung am 20. Januar 2018

Der Menschenfreund als Serienkiller

Der griechische Film hat im letzten Jahrzehnt einen bemerkenswerten Aufschwung genommen. Dies ist nicht zuletzt dem weltweit erfolgreichen Regisseur Giorgos Lanthimos zu verdanken. Seine Filme eröffnen dem Betrachter dystopische Bildwelten, die ebenso formbetont wie traurig-komisch und absurd anmuten. Sie legen es im besten Sinne darauf an, den Betrachter zu verstören. Lanthimos arbeitet für seine Drehbücher seit langem mit Efthymis Filippou zusammen. Beide wurden für die Drehbücher zu den Filmen „The Lobster“ und „The Killing of a Sacred Deer“ ausgezeichnet. Nun präsentiert Efthymis Fillipou am Onassis Cultural Centre sein Stück „Rob“, das von Bernard-Marie Koltès‘ erfolgreichem Drama „Roberto Zucco“ (1990) angeregt ist.

„Rob“ lässt die Zuschauer, was einen angesichts des Autors nicht wirklich überrascht, in eine un-heimliche, dystopische Welt blicken. Das Stück ist, könnte man sagen, eine Folge von Reden oder Sprechakten über einen Abwesenden. Der, welcher nur in den Zeugnissen anderer fassbar wird, ist resp. war ein Serienkiller: Rob. Nach seinem Tod versammeln sich die Zurückgelassenen zu einer Art Gedenkfeier. Aus dem Munde seiner Familie, seiner Freunde, seiner Bewunderer, seiner Opfer – und die Kategorien mischen sich durchaus – erhalten die Zuschauer fragmentierte Blicke auf das Leben von Rob. Man erfährt von einem, der nach Schönheit strebte und Menschen liebte, letztere aber auch kurzerhand tötete, wenn sie ihn etwa bei der Lektüre eines Buchs störten. Rob steht gleichsam für die Idee des verabsolutierten Schönen, welche keine Unreinheit oder Mittelmässigkeit erträgt. Was unzulänglich ist, wird aus dem Weg geschafft, d.h. getötet. Dieser Kult des Schönen und Guten, der sich in Robs Umkreis in Bewunderungsgesten wiederfindet, trägt unzweifelhaft faschistische und somit auch inhumane Züge. Das Stück von Efthymis Fillipou kommt darum gar nicht abstrakt oder weltfern daher. Es lässt sich vielmehr als eine Studie über unser Leben in der Gegenwart lesen, das zunehmend von Autokraten mitbestimmt und von Selbstmordattentätern bedroht wird. Der dramatische Text ist ein sprachmächtiges Werk, das mit viel Rhythmus, grossartigen Bildern und Humor seinem Thema zu Leibe rückt.

Der Regisseur Dimitris Karantzas hat sich dafür entschieden, ganz wesentlich auf die Wirkung der einzelnen Sprechakte zu setzen. Der von Klio Boboti gestaltete Bühnenraum entspricht diesem Vorgehen: er geht wenig in die Tiefe und platziert die Schauspieler auf Stühlen und an Tischen nah an der Rampe. Der Umstand, dass es Podien unterschiedlicher Höhe sowie abweichende Abstände zwischen den Platzierten hat, kann als eine Form von visueller Rhythmisierung gelesen werden. Die musikalische Rhythmik liefert eingespielte Kammermusik (L’Anima Streichquartett). Abgesehen von einem kurzen orgiastischen Ausbruch bleibt es recht ruhig auf der Bühne. Zu ruhig möchte man angesichts des aufregenden Stoffs sagen. Im Laufe des mehr als zweistündigen Abends kommt es wiederholt zu szenischem Leerlauf, was auch an der mangelnden Personenführung des Regisseurs liegt. So lauscht man vornehmlich dem Text, der von einem hochklassigen Ensemble dargeboten wird: Konstantinos Avarikiotis, Giannis Klinis, Christos Loulis, Vasilis Magouliotis, Angeliki Papoulia, Elina Rizou, Evi Saoulidou, Michalis Sarantis, Stavroula Siamou und Maria Skoula.

Das Publikum spendet reichlich Beifall.

Ingo Starz

 

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