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ATHEN/ Onassis Cultural Centre: PRACTICAL ENCYCLOPEDIA. DETOURS von Lenio Kaklea

13.01.2020 | Ballett/Tanz


Copyright: Marc Domage

Onassis Cultural Centre, Athen
Lenio Kaklea: Practical Encyclopedia. Detours

Besuchte Vorstellung am 12. Januar 2020

Choreografie des Alltags

Kuenstlerische Forschung gehoert schon seit etlichen Jahren fest zum oeffentlichen Erscheinungsbild des Kulturbetriebs. Kuenstler produzieren nicht nur einfach Werke, sie lassen sich auch auf teils mehrjaehrige Recherchen ein. Der Prozess, der zu einem Kunstwerk fuehrt, ist dabei von nicht geringerer Bedeutung. Es ueberrascht in diesem Zusammenhang kaum, dass sich bei solchen Werkprozessen Medien mehr und mehr verschraenken und sich gegenseitig befruchten resp. ergaenzen. Das 60minuetige Tanzstueck „Practical Encyclopedia. Detours“ von Lenio Kaklea basiert auf einer laengeren, im Jahr 2016 begonnenen Recherche und wird im Athener Onassis Cultural Centre von einer kleinen Ausstellung begleitet, welche das Publikum vor und nach der Auffuehrung besichtigen kann.

In der Ausstellung kann man in einem mehrfach aufliegenden Buch lesen, welches die Resultate von Kakleas Forschung praesentiert. Es ist eine handliche „Praktische Enzyklopaedie“, in welcher die Choreografin und Autorin Praktiken des Alltags, wenig beachtete Rituale gesammelt hat. Das Material basiert auf Gespraechen mit Menschen aus verschiedenen europaeischen Laendern, weshalb auch mehrere Sprachen Verwendung finden. Bei den Praktiken kann es um Koerperhygiene oder ums Stricken gehen: es handelt sich immer um eher unscheinbare Verrichtungen des Alltags. Angeregt durch ihre eigenen Rituale und soziologische Studien, welche die von Menschen alltaeglich erzeugten Choreografien im Stadtraum beschreiben, geht Lenio Kaklea der Frage nach, welche Bewegungsmuster unser Leben bestimmen. Ein 15minuetiges Video zeigt ausserdem eine an Parkinson erkrankte Frau, die durch Tanz die Auswirkungen ihrer Krankheit lindern resp. besser unter Kontrolle halten kann. Die taenzerische Bewegung wird so zu einem Alltagsritual.

Auf der Buehne zeigen die vier Taenzerinnen Lenio Kaklea, Jessica Batut, Nanyadji Ka-Gara und Elisa Yvelin eine Auswahl der gesammelten und im erwaehnten Buch beschriebenen Praktiken. Bewegung meint dabei vieles: Die Fuersorge fuer einen anderen, das Spiel mit einem Ball, taenzerische Uebungen oder auch die Reinigung des Koerpers. Unpraetentioes folgen kurze Szenen aufeinander, verbinden sich zu einem verspielten Lebensreigen. Das Publikum wird dabei zum Vertrauten, zu einem Mitwisser in Sachen Alltagspraxis. Man mag eine staerker taenzerische Durchdringung des interessanten Konzepts vermissen, dessen Sinnhaftigkeit und Charme laesst sich nicht leugnen.

Das Publikum spendet am Schluss kraeftigen Applaus.

Ingo Starz (Athen)

 

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