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ATHEN/ Onassis Cultural Centre: ION – Ein System und seine Teilchen

04.02.2018 | Ballett/Tanz

Onassis Cultural Centre, Athen
Ion
Besuchte Vorstellung am 3. Februar 2018

Ein System und seine Teilchen

Wer Ion hört, dürfte eher an seinen Chemieunterricht als an eine Tanzperformance denken. „Ein Ion ist ein elektrisch geladenes Atom oder Molekül. Es enthält mindestens einen positiv geladenen Atomkern. […] Die nach aussen wirksame, beobachtbare Ladung des Ions entsteht durch die unterschiedlichen Anzahlen von Protonen und Elektronen.“ (Chemie.de) Der Choreograf Christos Papadopoulos widmet sein neues Stück diesen chemischen Teilchen. Der Grieche studierte Schauspiel in Athen sowie Tanz und Choreografie in Amsterdam. Er trat mehrfach in Werken von Dimitris Papaioannou auf und arbeitete für namhafte Theaterregisseure als Choreograf. Er ist Gründungsmitglied der Tanzcompagnie „Der Löwe und der Wolf“ (2015). In dem mit zwei französischen Häusern koproduzierten Stück „Ion“ spürt er nun systemischen Bewegungen in der Natur nach.

Christos Papadopoulos führt in seiner Choreografie eine Art geschlossenes System von Teilchen vor. Die Aufführung beginnt im Dunkeln, wo nur ein Lichtstreif umhergehende Tänzerinnen und Tänzer erahnen lässt. Zu Beginn hallen so allein deren Schritte im Raum. Etwas später, wenn sich ausbreitendes Licht – von Tasos Palaioroutas sehr gut in Szene gesetzt – die Akteure sichtbar macht, wird es leiser und musikalisch. Nun gleiten die zehn, von Angelos Mentis einheitlich eingekleideten Ensemblemitglieder wie Teilchen über den Bühnenboden in einem leeren Raum (Bühnenbild: Evangelia Therianou). Sie tun dies mit elegant anmutenden, rutschenden Bewegungen der Füsse. Die Körper scheinen auf magische Weise miteinander verbunden zu sein, auch in Momenten des Auseinanderdriftens. Die Choreografie wirkt bei alledem so kontrolliert wie poetisch. Die minimalistische Musik von Coti K liefert den passenden Sound dazu. Papadopoulos gelingt es, über eine Stunde hin einen gleichsam natürlich wirkenden Bewegungsfluss, mit beständig wechselnden, starken Einzelbildern zu schaffen. Mit dem Licht verlöscht am Ende auch dieser energetische Strom. Wenn sich ein Einwand gegen diese Darstellung erheben liesse, dann lediglich derjenige, dass die Choreografie etwas zu absehbar und überraschungslos daherkommt. Angesichts des qualitätvollen Tanzes und der souveränen Teilchenbewegung wiegt dieser Einwand jedoch nur gering.

Christos Papadopoulos kann sich der souveränen Gestaltungsmittel seines Ensembles sicher sein. Maria Bregianni, Nontas Damopoulos, Nanti Gogoulou, Amalia Kosma, Hara Kotsali, Giorgos Kotsifakis, Dimitra Mertzani, Efthymis Moschopoulos, Ioanna Paraskevopoulou und Alexis Tsiamoglou fügen sich harmonisch im Bühnengeschehen zusammen – wie Teilchen in einem System. Atmosphärisch ist dieser Abend bestens gestimmt. Das Publikum spendet nach einer kurzweiligen Aufführung starken Beifall.

Ingo Starz

 

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