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ATHEN/ Onassis Cultural Centre: DOMESTICATION von Demosthenes Papamarkos. Der Schatten eines Klagegesangs

26.01.2020 | Theater

Onassis Cultural Centre, Athens: Domestication

Besuchte Vorstellung am 25. Januar 2020

Der Schatten eines Klagegesangs

Am Athener Onassis Cultural Centre ist als Urauffuehrung ein Stueck des jungen Autors Demosthenes Papamarkos zu sehen. Der Text kommt als Parabel und Klagesang daher, berichtend von der Menschheit, welche die Welt gebaendigt hat – oder zumindest in der Meinung lebt, dies vollbracht zu haben. Der Autor bedient sich ueber weite Strecken eines antiken Tons, seine Sprache gemahnt uns an Homer, Herodot, Vergil und andere Autoren der Vergangenheit. Erzaehlt wird von der Stadt Milet, die von den Persern zerstoert wird, und von deren Bewohnern, welche zu Fluechtlingen werden. Der Text ist mehr Epik oder Langgedicht als ein Theaterstueck. Papamarkos‘ Blick zurueck in die griechische Antike erweist sich als maessig relevant fuer unsere komplexe Gegenwart. Ein paar poetische Bilder reichen nicht aus, die heutige Lage der Welt zu erfassen. Papamarkos‘ Sprachfluss entfaltet ausserdem wenig dramatische Spannung und zeigt kaum Brueche, welche Interventionen zuliessen. Was macht die Regisseurin Georgia Mavragani mit diesem sperrigen Text?

Mavragani verbindet die Geschichte der Fluechtlinge aus Milet mit Fluechtlingsstimmen aus der Gegenwart. Ueberhaupt legt sie einen besonderen Fokus auf die Stimme, genauer die Disembodied Voice. Was wir zu hoeren bekommen, wird naemlich fast ausschliesslich eingespielt. Im Resultat haben wir also eine akustische Ebene, welche die meiste Zeit von den Koerpern, die auf der Buehne agieren, getrennt ist. Das ist wohl auch der Grund dafuer, dass uns das Lied, das zwei aeltere Darsteller live anstimmen, anruehrt. Ueber weitere Strecken lassen uns naemlich das Geschehen auf der Buehne und der gleichsam vorgetragene Text kalt. Oder anders gesagt, was uns Videoeinspielungen und Schattenspiel an menschlichem Schicksal zeigen, gewinnt keine wirkliche Tiefe. Es bleibt flach wie die Medien, in welchen es zur Erscheinung kommt. Die Schatten der Vergangenheit bekommt dieser Abend nicht gebaendigt. Er laesst Gegenwaertigkeit und Lebendigkeit vermissen. Warum bricht die Regisseurin den allzu formverliebten Text nicht mehr auf? Selbst der Einsatz der aktuellen Fluechtlingsstimmen geraet zu artifiziell. Nur mit Symbolen und sprachlicher Form erfasst man die Welt nicht. Man kann die achtzigminuetige Auffuehrung vielleicht als experimentelle Versuchsanordnung begreifen. Dann ist es ganz in Ordnung, dass Text und Inszenierung an dem Anspruch, einen Zugriff auf die Verfasstheit unserer Welt zu bieten, scheitern.

Auf der Buehne agieren Nikos Gialelis, Manos Petrakis, Konstantina Takalou sowie Xenia Kalogeropoulou, Ilias Katevas und Elina Rizou. Artemis Flessa hat die Ausstattung besorgt, Haris Neilas die musikalische Komposition beigesteuert, welche sich durch minimale Akzente auszeichnet. Es ist ein unaufgeregter, reichlich zaeher Klagegesang, der nur ein Schatten dessen ist, was wir aus der Vergangenheit kennen. Das Publikum spendet freundlichen Applaus.

Ingo Starz/ Athen

 

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