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ATHEN/ Onassis Cultural Centre: BLITZ – Theatre Group: 6 a.m. How to disappear completely

10.10.2015 | Theater

Onassis Cultural Centre, Athen: BLITZ –  Theatre Group: 6 a.m. How to disappear completely

Premiere vom 9. Oktober 2015

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Foto: Onassis Cultural Centre, Athen

Baustelle der Zukunft

Dass die Zukunft nicht einfach wird, haben wir uns schon gedacht. Als derart rätselhaft-hermetische Angelegenheit, wie sie uns die Blitz Theatre Group in ihrem Projekt „6 a.m. How to disappear completely“ präsentiert, hätten wir uns diese aber nicht vorgestellt. Die Welt, auf die wir im von Efi Birba gestalteten Bühnenraum blicken, gleicht einer Baustelle mit utopisch anmutenden, architektonischen Elementen und seltsamen Artefakten. In dieser unwirtlichen Umgebung hausen Menschen, welche die Relikte dieser Welt neugierig ausprobieren und in Bewegung setzen, wobei sich manche Aktion als nicht ungefährlich erweist. Dem Zuschauer gibt dieses Geschehen einige Rätsel auf. Die bruchstückhaft aus Lautsprechern eindringenden Zeilen aus Friedrich Hölderlins Dichtung „Menons Klagen um Diotima“ machen die Sache nicht einfacher.

Das Blitz-Team – Aggeliki Papoulia, Christos Passalis und Giorgos Valais – hat zusammen mit den Dramaturgen Angelos Skassilas und Stefanie Carp eine komplexe Szenerie entworfen, die sich so recht erst nach Lektüre des Programmheftes erschliesst. Die Performance basiert auf der Erzählung „Picknick am Wegesrand“ (1972) der Brüder Strugatsky und reflektiert ebenso Tarkowskys Film „Stalker“ (1979), der vom letzten Kapitel des Buchs angeregt ist. Utopische, zeitgenössische Architektur und das futuristische Manifest dienen den Theatermachern als weitere Quellen. In der Erzählung wird, ganz kurz gesagt, der Umgang der Menschen mit Artefakten beschrieben, die Ausserirdische in der Vergangenheit zurückgelassen haben. Diese Relikte einer unbestimmten Zukunft machen die Welt zu einem Experimentierfeld, einer Art Glücksverheissung. Bevor aber die Suche nach einer besseren Zukunft beginnt, wird mit Hölderlins Versen ein beinahe tragischer, mindestens an Tragödie und Mythos gemahnender Auftakt gesetzt. Das Publikum vernimmt anfangs die ganze Dichtung. So trifft eine Sphäre des Missklangs zwischen Individuum und Aussenwelt auf eine des Aufbruchs.

Die drei Akteure von Blitz stehen zusammen mit Aris Armaganidis, Aris Balis, Michalis Kimonas und Areti Seintaridou auf der Bühne. Die eher düstere Atmosphäre des Raumes füllen sie mit einer Vielzahl von Aktionen, in denen die erwähnten Artefakte aktiviert und bewegt werden, sowie mit dem Film entlehnten Standbildern, worin die Figuren gleichsam in die seltsame Welt um sich herum hineinschauen. Dieser romantische Gestus weiss zu überzeugen, ebenso entfalten einzelne Bilder wie dasjenige, in welchem drei Drachen zum Bühnenhimmel aufsteigen, starke Wirkung. Aufs Ganze gesehen weist die Produktion jedoch zwei Probleme auf: Einerseits ist es für die Zuschauer schwierig, der Versuchsanordnung zu folgen, sprich diese zu verstehen, andererseits fällt es den Darstellern schwer, romantische Dichtung und Scienefiction-Literatur zu einem sinnfälligen Ganzen zusammenzufügen. Die gewichtigen Worte Hölderlins stehen, wenn man so sagen darf, den utopistischen Aktionen ein wenig im Weg.

So gewinnt diese Aufführung leider nur stellenweise jene Poesie, die andere Produktionen von Blitz auszeichnen. Eine interessante und aussergewöhnliche Sache ist diese rund 70 Minuten dauernde Performance aber schon. Man darf der Produktion „6 a.m. How to disappear completely“ wünschen, dass sie sich im Laufe der kommenden Aufführungsserien im Ausland noch weiterentwickelt. Vielleicht verschwinden dann die Zuschauer aus dem Theater mit dem Gefühl, das am Ende des Abends als eingeblendeter Titel „Enthusiasmus“ auf die leere Bühne gesetzt wird – will sagen, beseelt von theatraler Energie. Die Protagonisten scheinen sich jedenfalls dank eines Erfasstwerdens durch eine höhere Macht in Luft aufgelöst zu haben. Die Glückssuche hat sich also gelohnt.

Ingo Starz

 

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