Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ATHEN/ Onassis Cultural-Center: DER PROZESS von Franz Kafka

12.03.2019 | Theater


Foto: Natalia Kabanow

Onassis Cultural Centre, Athen: Der Prozess von Franz Kafka

Besuchte Vorstellung am 10. Maerz 2019

Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ bietet unterschiedliche Interpretationsrichtungen an und schafft allein mit Sprache ebenso faszinierende wie bedrueckende Bildwelten. Die Welt der Gerichte, in welche der Bankangestellte Josef K. unversehens geraet, wird von Kafka als Labyrinth und absurd anmutendes Spektakel gezeichnet. Es ist eine Welt, in der man sich verliert, eine Welt, die zum Sinnbild des Kafkaesken wurde. Es ist nicht ueberraschend, dass sich das Theater schon laengere Zeit fuer diesen Stoff interessiert. Im Jahr 2008 brachte Andreas Kriegenburg den Roman auf die Buehne der Muenchner Kammerspiele. Er zeigte den Kosmos des Autors auf einer beweglichen Weltscheibe, die gleichzeitig auch ein Auge war. Es war eine dem Stummfilm abgeschaute, temporeiche und traurig-komische Darbietung von grosser Bildkraft. Das Publikum schaute sozusagen in die Innenwelt Kafkas hinein. Nun praesentiert das Onassis Cultural Centre eine Buehnenversion des Romans, die unter erschwerten (weil politisch diktierten) Bedingungen in Warschau entstand. Der Altmeister des polnischen Theaters, Krystian Lupa fuehrt dabei Regie.

Die im November 2017 am Warschauer Nowy Teatr zur Premiere gelangte Produktion besticht durch ihre Gedanken- und Bildfuelle. Lupa, der auch fuer die Textfassung, das Buehnenbild und das Lichtdesign verantwortlich ist,  versteht es auf grossartige Weise, atmosphaerisch starke Bilder zu schaffen. In fuenf Stunden entfaltet er die Geschichte mit Fokus auf die Wohnungs- und Gerichtsszenen. Mit Videoprojektionen (Bartosz Nalazek & Kamil Polak) und transparenten Buehnenvorhaengen gelingt es ihm, ohne Umbaupausen immer neue, audrucksstarke Raumebenen vor dem Betrachterauge zu oeffnen. Das bei Kafka angelegte Vexierspiel von Realitaet und Imagination findet in diesem zeitgenoessisch daherkommenden Setting seine sinngemaesse Entsprechung. Zu diesen beeindruckenden Bildern gesellt sich eine vielschichtige Diskursebene, die alle wesentlichen Themen des Romans zur Sprache bringt. Staat, Recht, Religion, Liebe, Sexualitaet – in Lupas Inszenierung hat alles seinen praezis bestimmten Platz. Und auch der Autor findet Beruecksichtigung, ist doch Josef K. zugleich auch Franz K. Mit sorgfaeltig ausgewaehlten Fremdtexten verstaerkt der Regisseur die Aktualitaet des Stoffs, schreibt ihm die Geschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ein und fordert das Publikum gleichsam zur taetigen Auseinandersetzung mit Kafkas Sprache heraus. Der lange Theaterabend wird dank des formal bestechenden Konzepts nie langweilig. Krystian Lupa bietet eine polyphone, prozesshafte Lesart des Romas an, die gleichzeitig einen detailreichen Bilderbogen spannt. Ein Meisterstueck.

Das grosse Ensemble ist in jeder Position exzellent besetzt. Andrzej Klak, welcher den Herrn K. darstellt, ist koerperlich und sprachlich eine Wucht. Wie die szenischen Welten um ihn herum, ist der Schauspieler Brennpunkt permanenter Verwandlung: vom Bankangestellten zum Begehrenden zur Erloeserfigur. Daneben ueberzeugen auf der Buehne: Bozena Baranowska, Maciej Charyton, Malgorzata Gorol, Anna Ilczuk, Mikolaj Jodlinski, Dariusz Maj, Michal Opalinski, Marcin Pempus, Halina Rasiakowna, Piotr Skiba, Ewa Skibinska, Adam Szczyszczaj, Andrzej Szeremeta, Wojciech Ziemianski, Marta Zieba und Ewelina Zak. Der Rhythmus und die Energie, welche vom Spiel der Darstellerinnen und Darsteller ausgeht, verdient hoechstes Lob.

Am Ende der langen Auffuehrung gibt es starken Beifall mit einzelnen Bravorufen.

Ingo Starz/ Athen

 

Ingo Starz

 

Diese Seite drucken