Megaron – The Athens Concert Hall
ERT Griechisches Radiosinfonieorchester/Michalis Economou
Besuchtes Konzert am 11. November 2025

Innig und episch
Das Griechische Radiosinfonieorchester steht in Athen in Sachen Aufmerksamkeit etwas im Schatten des Staatsorchesters. Das mag auch damit zusammenhängen, dass das Orchester an wechselnden Orten Auftritt. Der Klangkörper verdient aber grössere Beachtung, weil er unter der Leitung seines Chefdirigenten Michalis Economou eine sehr erfreuliche Entwicklung nimmt. Im Frühjahr führte Economou mit seinem Orchester Gustav Mahlers fünfte Sinfonie auf. Das Ergebnis beeindruckte mit soghafter Wirkung und sorgfältig präparierten Details. Nun stand im Konzertsaal des Megarons ein Konzert auf dem Programm, das dem 50. Todestag von Dmitri Schostakowitsch gewidmet war.
Im ersten Teil des Abends waren Werke von Ralph Vaughan Williams und Arvo Pärt zu hören. Vaughan Williams’s „Fantasia on a theme by Thomas Tallis“ entfaltete mit seiner Streicherbesetzung einen altertümlich anmutenden Renaissanceklang, der harmonisch freilich recht modern daherkommt. Die Streichergruppen liessen sich von Economou zu einem kompakten, wohl abgestimmten Spiel animieren. Zur getragenen, feierlichen Stimmung des Eingangsstücks trat Pärts „Salve Regina“ in Dialog. Das Werk für Streichorchester, Celesta und gemischten Chor übersetzt den Marienhymnus in eine filigrane Struktur, die sich an einer Jahrhunderte alten Form abarbeitet. Der von Michalis Papapetrou einstudierte Chor und das Orchester unter Economou gingen die Komposition formbewusst an und präsentierten ein überzeugendes Ergebnis.
Nach der Pause stand als Hauptwerk des Abends Dmitri Schostakowitschs elfte Sinfonie „Das Jahr 1905“ auf dem Programm. Das Werk weist die klassische Vierteilung auf, die Sätze folgen aber pausenlos aufeinander. Die gut einstündige Sinfonie erweckt auch darum den Eindruck von Programmmusik. Es entfalten sich Klangbilder von vier vorrevolutionären Momenten des Jahres 1905: Die angespannte Situation auf dem Palastvorplatz, der Protest und seine Niederschlagung, die Trauer um die Opfer und die in die Zukunft weisende Hoffnung auf politische Veränderung. Schostakowitsch hat in seinen Anfängen für den Film gearbeitet und man könnte sagen, diese Musik entfaltet die suggestive Wirkung von Filmmusik. Da hört man Fetzen der von den Protestierenden gesungenen Liedern ebenso wie die von Blech und Schlagwerk markierten Schüsse der Soldaten heraus. Economou arbeitete die „Bildstruktur“ der einzelnen Sätze vorbildlich heraus und verlieh dem Werk einen vorwärtsdrängenden Gestus. Er setzte das Orchester sozusagen unter Strom. Dass ein paar Töne weniger gut gerieten, fällt angesichts der starken Gesamtwirkung nicht ins Gewicht. Eine bemerkenswerte Aufführung.
Das zahlreich erschienene Publikum folgte dem Konzert aufmerksam. Gerade während der sinfonischen Darbietung herrschte oft gespannte Stille. Am Schluss wurden die Orchestermusiker und Michalis Economou lautstark gefeiert.
Ingo Starz (Athen)

