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ATHEN/Megaron – The Athens Concert Hall & Athen State Orchestra: „SALOME“ konzertant. Lust des intensiven Hörens

28.12.2025 | Oper international

Megaron – The Athens Concert Hall & Athen State Orchestra 
Richard Strauss: Salome (konzertante Aufführung)

Aufführung am 23. Dezember 2025
Lust des intensiven Hörens

starz
Foto: Megaron – The Athens Concert Hall

Die Werke von Richard Strauss kommen in Athen selten zu Gehör. „Ariadne auf Naxos“ wurde an der Griechischen Nationaloper immerhin seit 1974 in drei verschiedenen Produktionen präsentiert. Strauss‘  „Salome“ gelangte im Juni 1997 für drei Aufführungen auf die grosse Bühne des Odeions des Herodes Attikus. Und als im Oktober 2017 das neue Opernhaus eröffnet wurde, kam „Elektra“ zur griechischen Erstaufführung. Nun haben sich Megaron und das Staatsorchester Athen zusammengetan und bringen „Salome“ konzertant auf die Bühne des Konzertsaals. Das Orchester tritt in grosser Besetzung an und die Sängerinnen und Sänger stehen an der Rampe. In den Szenen, wo Jochanaans Stimme aus der Zisterne nach draussen dringen soll, steht der Bariton vor dem Orgelprospekt. Die konzertante Aufführung bietet die Gelegenheit, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren.

Das Staatsorchester Athen tritt in der vom Komponisten geforderten grossen Besetzung an. Der Klangkörper hat in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten unter drei verschiedenen Chefdirigenten eine recht positive Entwicklung genommen. Das macht sich insbesondere in den Streichergruppen bemerkbar, wie man nun bei Strauss‘ Oper erleben kann. In Homogenität des Klangs, Artikulation und Pianoqualitäten haben sie nahezu zu den Bläsern aufgeschlossen, die schon länger ein beachtliches Niveau aufweisenen. Der Dirigent Lukas Karytinos hat das musikalische Geschehen unter Kontrolle, weiss dem Orchester einen gewissen strukturellen Rahmen zu geben. Diese Ordnung ist allerdings nicht mit einer tiefer gehenden, Atmosphären erzeugenden Interpretation zu verbunden. 

Richard Strauss fährt die Musik seiner Salome, wie man zu Beginn erlebt, in Windeseile hoch. Zwei Klarinettenläufe, gedämpfte Trompeten- und Streicherakkorde, beigemischter Celesta- und Harmoniumklang: Von Anbeginn beherrscht eine lasziv-schwülstige Atmosphäre die Szene. Die sich manchmal arabeskenhaft ausbreitende Musik erinnert nicht zufällig an den Jugendstil der Entstehungszeit der Oper. Ein Dirigent muss das dynamische Spektrum des Werks und dessen Klangdramaturgie steuern sowie dessen soghafte Wirkung zum Ausdruck bringen. Lukas Karytinos hat hörbar gut mit Orchester und Sängerinnen und Sängern gearbeitet, er weiss, wo der Orchesterklang zurückgenommen werden muss. Die Koordination zwischen den Akteuren gelingt gut. Die zeitweilige Platzierung des Baritons hinter dem Orchester macht diesen aus der Ferne klingend, zwingt ihn aber auch etwas zu forciertem Gesang. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest im vorderen Bereich des Parketts, von wo aus er fast hinter dem Orchester verschwindet. Was Karytinos vermissen lässt, sind Klangfarben und eine dramatische Linie. „Salome“ ertönt unter seiner Leitung als komplexe Struktur, aber zu wenig als unablässig vorwärtsdrängende Form. Man vermisst das Atmosphärische und Überbordende, den grossen musikalischen Ausdruck. 

Strauss‘ „Salome“ verlangt nach einer charismatischen Sängerin und Darstellerin in der Titelpartie. Die Darstellung spielt in einer konzertanten Aufführung zwar eine untergeordnete Rolle, die Physiognomie der Hauptfigur sollte aber gleichwohl durch den Gesang und etwaige Gebärden erfahrbar werden. Mit Elena Stikhina steht eine der herausragenden Salome-Interpretinnen unserer Tage auf dem Podium. Sie meistert die Schwierigkeiten der Partie problemlos und bietet erst noch ein schönes, warmes Timbre und runde Spitzentöne. Wie ein junges Mädchen klingt Stikhina zwar nicht, die dramatische Kraft ihrer Stimme entwickelt aber starke, emphatische Momente. An ihrer Seite gibt Dimitris Tiliakos sein Rollendebüt als Jochanaan. Man kann seine Stimme als einen Kavaliersbariton bezeichnen. Tiliakos bietet keinen heroischen Ton, wie man ihn von Wagner kennt, sondern eine samtenen, wohl fokusierten Klang. Sein Jochanaan kommt dabei mit ausgezeichneter Diktion daher. Der Bariton singt auf Linie und lässt kein störendes Vibrato hören. Die stimmliche Darstellung scheint die Unantastbarkeit der Figur mitzutragen. Dieses Rollendebüt ist fraglos ein Meilenstein in Tiliakos‘ Karriere. 

Als Herodes steht Wolfgang Ablinger-Sperrhacke auf dem Podium. Er hat erhebliche Rollenerfahrung und bietet in stimmlicher Entfaltung und Artikulation eine erstklassige Leistung. Schwerer tut sich Katerina Oikonomou als Herodias. Die Griechin kann auf eine erfolgreiche, internationale Karriere zurückblicken. Vor 40 Jahren stand sie als Salome auf der Bühne. Der jetzige Auftritt kommt zu spät für sie. Ihre Stimme hat deutlich an Substanz verloren, die Höhen klingen scharf. Ihre Gebärden lassen immerhin noch die erfahrene Sängerin spüren. Vassilis Kavagias als Narraboth überzeugt mit seinem gut geführten, lyrischen Tenor. Die kleineren Rollen sind insgesamt ganz ansprechend besetzt. Wegen ihrer guten Diktion und Stimmführung seien Nefeli Kotseli und Yiannis Selitsaniotis besonders hervorgehoben. Man hört, dass das deutsche Repertoire in Athen unterbelichtet ist, auch an der in anderen Fällen unzureichenden Diktion. Der schwache Auftritt von Yiannis Filias zeigt dies.

Die konzertante Aufführung lässt einen mit Lust ein Werk hören, das noch kaum in Griechenland zu erleben war. Insofern ist dies ein wichtiger Abend, der, wie eben dargelegt, auch viel musikalisches Gelingen bietet. Das Publikum feiert am Schluss alle Beteiligten und ganz besonders Elena Stikhina, Dimitris Tiliakos und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke. 

Ingo Starz (Athen)

 

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