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ATHEN/ Griechisches Nationaltheater: SHOWCASE 2024. Tradition und Experiment

08.04.2024 | Theater

Griechisches Nationaltheater, Athen : Showcase 2024

Besuchte Vorstellungen vom 4. bis 7. April 

Tradition und Experiment

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Im vergangenen Jahr haben das Griechische Nationaltheater und das Athens Epidaurus Festival je einen Showcase präsentiert. Bevor das Festival im Juli wiederum eine internationale Schar an Kuratoren und Theaterdirektoren begrüsst, hat das Nationaltheater Teile seines Saisonprogramms im Rahmen seines Showcase 2024 professionellen Zusehern dargeboten. Angereichert war das Programm durch Gespräche mit Künstlern, wobei auch das Festival und Onassis Stegi mit solchen Veranstaltungen beitrugen. Die Teilnehmer des Showcases konnten – gleichsam ausser Programm – zusätzlich zwei Produktionen von Stegi begutachten. Es herrschte ein gesprächsfreudiges Klima und man darf hoffen, bald mehr griechische Theaterproduktionen resp. Regisseure im Ausland erleben zu können. Was gab es nun auf den Bühnen des Griechischen Nationaltheaters zu sehen? 

Der Aufführungsreigen begann mit einem Klassiker. August Strindbergs Stück „Ein Traumspiel“ wird nicht allzu oft auf die Bühne gebracht. Sein philosophisch-existenzieller Inhalt ruft geradezu nach einer aussergewöhnlichen Ästhetik. Die Regisseurin Georgia Mavragani setzt auf eine chorisch und choreographisch angelegte Umsetzung des Texts. Es ist ein interessanter Ansatz, der sich aber bald im Mund- und Fusswerk des Geschehens zu verlieren beginnt. Es passiert in gewissem Sinne zu viel und etliche Gesten und Bewegungsabläufe fallen gar prätentiös und symbolisch aus. Die Regisseurin illustriert das Gesagte, das viel schwer wiegende Worte aufweist, zu sehr und erzielt ein bisweilen recht esoterisch anmutendes Gruppenspiel. Ein paar Textanklänge an Probleme unserer Zeit ändern daran nichts.

Die Stückentwicklung „Generation Lost“ wurde im Rahmen des New Stages Southeast Programms des Goethe-Instituts Thessaloniki geschrieben. Sie widmet sich der um das Jahr 2000 herum geborenen Generation. Die Regisseurin Katerina Giannopoulou hat bei der Recherche mit jungen Leuten von sechs verschiedenen Ländern gesprochen. Leider muss man während der Aufführung deren Sorgen und Gedanken mehr erraten als dass man diese verstehen kann. Die Übertitel sind die meiste Zeit unlesbar. Die vom Rubik-Würfel inspirierte Ausstattung bringt das schwer berechenbare und in den Griff zu bekommende Leben der jungen Leute in eine sinnfällige Form. Leider lässt sich zu den Berichten, einer Folge von Monologen, und dem ganzkörpermaskierten Spiel im zweiten Teil wegen des Textproblems nicht viel sagen. So versteht man auch nicht recht, warum die Akteure oft mehr auf dem Screen zu sehen denn greifbar auf der Bühne zu sehen sind. Interessant ist das Ganze aber schon.

Der Showcase präsentiert auch eine Produktion für Kinder: „Pinocchio“. Carlo Collodi’s Klassiker wird mit viel Engagement auf die Bühne gebracht. Die Dramatisierung von Chris Cooper bleibt nahe am Original. Der Regisseur Vassilis Mavrogeorgiou und sein Team entwerfen schöne Bilder, die Verwandlungen geschehen vor unseren Augen. Die Musik spielt eine wichtige Rolle in einer Inszenierung, die Kindern lustvoll die Folgen falscher Entscheidungen vor Augen führt. Wenn es etwas zu bemängeln gilt, dann ist es die Länge der Aufführung. Zwei Stunden (mit Pause) sind wohl ein wenig zu viel für kleine Kinder. Der Erwachsene fühlt sich durchaus gut unterhalten. 

Die Performance „Cloudburst“ von Vassilis Vilaras schaut auf ein wichtiges Stück Queer-Geschichte in Griechenland. Sie basiert auf Leserbriefen, die an das Magazin Amfi (1978-1990), die erste griechische Zeitschrift für queere Menschen, gerichtet wurden. Die dramaturgisch äusserst geschickt miteinander verbundenen Texte und die Authentizität der Performer auf der Bühne, die zur Queerszene der Stadt gehören, machen diesen Abend zu einem bewegenden Manifest. Man erfährt aus erster Hand, was es bedeutete, in den 1980er Jahren ein Schwuler oder eine Transperson in Griechenland zu sein. Von Leiden und Selbstermächtigung ist dabei die Rede. Ein paar Songs öffnen zusätzlich Fenster in das Leben queerer Mitmenschen, sorgen für weitere Momente von emotionaler Intensität. Es ist eine sehr gelungene, berührende Performance, die den Aufführungsreigen des Showcase 2024 beschliesst.

Die aus zahlreichen Ländern angereisten Showcase-Gäste sahen ein buntes Programm und erfuhren in Präsentationen und Gesprächen mehr von diesen und weiteren unterschiedlichen griechischen Produktionen. Es noch engere Zusammenarbeit der grossen Institutionen wäre fraglos wünschenswert. Vielleicht könnte dies zu einem einzigen, jährlichen Showcase führen. In jedem Fall sollte gerade das Nationaltheater darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoll wäre, ausgewählte Produktionen der freien Szene mit ins Programm aufzunehmen. In den vielen kleineren Theatern Athens gibt es jede Saison eine Reihe interessanter Aufführungen zu entdecken. Wer setzt sich für diese Vielfalt an Theaterstimmen ein?

Der Showcase 2024 des Griechischen Nationaltheaters, das sei zusammenfassend und abschliessed gesagt, bot reichlich anregende Momente und Gelegenheit zum Austausch. Man wird hoffentlich in Zukunft aussserhalb des Landes mehr über das griechische Theater sprechen.

 

Ingo Starz (Athen)

 

 

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