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ATHEN/ Griechisches Nationaltheater im Dipylon-Theater: Theano Metaxa: DIE SPRACHE DER HAUSWÄNDE – Dichtung ist in den Strassen 

28.12.2025 | Theater

Griechisches Nationaltheater im Dipylon-Theater 

Theano Metaxa: Die Sprache der Hauswände – Dichtung ist in den Strassen

Besuchte Vorstellung am 27. Dezember 2025

Graffiti als demokratisches Mittel

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Foto: Griechisches Nationaltheater

Während der sogenannten Finanzkrise in Griechenland blühte die Graffiti- und Streetart-Szene in Athen. Der Unmut der Bevölkerung über politische Entscheidungen fand seinen visuellen Niederschlag im öffentlichen Raum. Der Verfasser erinnert sich an einen Atelierbesuch im Jahr 2015, wo ihm ein Fotograf Arbeiten zeigte, die Graffiti im Stadtraum dokumentieren. Beim Blick auf diese meist auf Hauswände gesprühte Botschaften, liess und lässt sich viel über den politischen Diskurs der Zeit lernen. Ging es ehemals um Sparpolitik und Troika, werden heute Gaza und Skandale der Regierung thematisiert. Wenn es um bildliche Darstellungen geht, lässt sich ein Wandel hin zum Dekorativen feststellen. Streetart wurde zum Teil des Tourismusmarketings. Die junge Regisseurin Theano Metaxa nimmt sich nun in ihrem Projekt „Die Sprache der Hauswände“ der Athener Graffiti-Szene an.

Die Regisseurin macht mit dieser dokumentarischen Projektentwicklung eine Auslegeordnung. Im Bühnenbild von Konstantinos Skourletis mutiert der Bühnenraum, dem die Zuschauer von drei Seiten sehr nahekommen, zu einer Undergroundlocation, wo gedacht und diskutiert wird, wo Sprüche und Bilder auf Poster geschrieben und gemalt werden. Es ist die Werkstatt der Strassenpoeten. Ihre Bühne ist der Stadtraum, der in der Aufführung mittels Filmeinspielungen erschlossen wird. Die Kamera fährt durch die Strassen – vornehmlich in Exarchia -, lässt einen auf Graffiti blicken, welche live von den Performerinnen und Performern kommentiert werden. Man erfährt von Ereignissen der jüngeren Geschichte, hört Anekdotisches, lernt darüber, wie der Immobilienmarkt die Preise in die Höhe treibt, der Tourismus in Athen überhand nimmt und auch vor der Streetart nicht Halt macht. Auch Graffiti und Wandbilder machen die Stadt für Ausländer attraktiv und sind heute Thema von Stadtführungen. In kurzweiligen 70 Minuten erfährt man einiges darüber, wie der öffentliche Raum als Sprachrohr widerständiger Stimmen fungiert, als lebendige, künstlerische Kommentarspalte und als Diskussionsort sozusagen. 

Die Performer auf der Bühne agieren, skizzieren und schreiben live. Sie greifen auch zum Rap, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Die Szene ist lebendig und das Unfertige des Abends korrespondiert überzeugend mit dem Flüchtigen der Graffiti und Streetart-Bilder. Elissaios Vlachos, Theodora Georgakopoulou, Dimitris Kapetanios, Kondulia Konstantelaki, Anna Louizidi, Thomas Makrigiannis, Tatiana Anna Pipa und „Ouitsi“ machen „Die Sprache der Hauswände“ lebendig. Eine interessante, gut auf die Bühne gebrachte theatralische Skizze.

Ingo Starz (Athen)

 

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