Griechisches Nationaltheater, Athen
Guillaume Poix: Sacred
Besuchte Vorstellung am 11. Februar 2026

Foto: Griechisches Nationaltheater
Ein Totengedenken
Es ist ein Abend, der es im wahrsten Sinn des Wortes, todernst meint. Bei „Sacred“ handelt es sich um ein, mindestens beinahe dokumentarisches Theaterstück. Der Autor Guillaume Poix hat sich von 300 Interviews aus den Jahren 2020 und 2021 anregen lassen. Darin und in seinem Stück geht es um menschlichen Verlust, um das Sterben und den Tod. Das Ritual des Trauers wird vor dem Publikum ausgebreitet, einzelne Figuren erzählen nacheinander von ihrer Verlusterfahrung.
Es gibt viele Arten des Sterbens. Dementsprechend vielfältig ist das, was man zu hören bekommt. Da geht es um den krebskranken Vater, der am Schluss alleine stirbt. Oder um den Tod desjenigen, der einen aus dem Meer gerettet hat, und die Schuldgefühle danach. Oder es geht um den Bruder, der vom Vater beim Tragen von Frauenkleidern entdeckt wird und bald darauf den Freitod wählt. Zur Sprache kommt auch ein Totschlag, wenn ein junger Mann davon erzählt, wie er einen anderen niedergeschlagen hat. Oder ein Flüchtling berichtet von seiner Flucht und den Familienmitgliedern, die er verloren hat. Mehr noch als um die Toten geht es aber in dieser dreistündigen Aufführung auf der Kleinen Bühne des Nationaltheaters um die Zurückgebliebenen, um deren Trauer. Nicht zufällig werden die Geschichten von der Figur einer Trauerfrau gerahmt. Am Anfang erzählt sie, wie sie Hinterbliebenen beisteht, welche Rituale sie vollzieht. Am Ende erleben die Zuschauer das Ritual, wenn alle Figuren vereint auf der Bühne agieren. Das Erzählen der Figuren weist wohl unterschiedliche Stärkegrade auf, es berührt jedoch über weite Strecken. Eben weil Sterben auch von Würde, Recht und Gerechtigkeit handelt.
Loukas Bakas und Filanthi Bougatsou haben die Szene entworfen, in deren Zentrum ein von umlaufenden Vorhängen begrenzter „Zwischenraum“ steht. Er weckt Erinnerungen an ein Beerdigungsinstitut, an einen Ort der Trauer. Christos Theodoridis lässt die Schauspielerinnen und Schauspieler mit wenigen Requisiten auftreten, fokusiert das Geschehen auf die Erzählungen. Die Sprechenden nehmen nach ihrem Vortrag auf Stühlen nahe der Bühne Platz und hören den nachfolgenden zu. Das betont das Ritualhafte und Gemeinschaftliche. Erst im zweiten Teil kommen choreographische Elemente hinzu, die das Geschehen beleben, visuelle Assoziationen aufkommen lassen, aber letztlich etwas beliebig und aufgesetzt wirken. Auf der Bühne entsteht keine szenisch starke Trauerlandschaft, kein vereinender Bewegungsfluss. Es sind die Geschichten, die die Zuschauer in den Bann ziehen.
Das Ensemble überzeugt auf das Ganze gesehen. Eleftheria Angelitsa, Charalabos Athanasopoulos, Irini Dabasi, Giorgos Exakoïdis, Giorgos Kissandrakis, Konstantinos Krommidas, Thanos Magklaras, Ioanna Mavrea, Christos Jon Mouslli, Maria Bagana, Andreas Natsios, Ilias Sgouralis und Thomas Tsaknakis geben einfühlsam und ohne grosse Gesten Bericht. Eine Aufführung, die einen nachdenklich zurücklässt.
Das Publikum spendet am Schluss anhaltenden, starken Applaus.
Ingo Starz (Athen)

