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ATHEN/ Griechisches Nationaltheater: DER ZERBROCH’NE KRUG von Kleist. Der schlingernde Richterstuhl 

26.12.2022 | Theater

Griechisches Nationaltheater Athen 
Der zerbroch’ne Krug

Besuchte Vorstellung am 25. Dezember 2022

krug
Foto: Griechisches Nationaltheater

Der schlingernde Richterstuhl 

Klassiker des deutschsprachigen Theaterrepertoires finden regelmässig ihren Weg auf griechische Bühnen. Werke der deutschen Literatur werden gelesen und geschätzt. Es ist nicht nur das deutsche Regietheater, das hiesige Regisseure interessiert. Das Athener Nationaltheater hat nun vor zwei Wochen eine der bedeutendsten Komödien deutscher Sprache herausgebracht: Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“. Der grosse Saal des historischen Theatergebäudes bietet ein stimmungsvolles Ambiente. Kann sich der Kleistsche Sprachwitz und Humor auch in einer griechischsprachigen Aufführung voll entfalten? Und wie präsentieren uns die Regisseure Akyllas Karazisis und Nikos Hatzopoulos das Stück – als Erzählung einer vergangenen Epoche oder als Geschehen von Heute? 

Die Athener Inszenierung zeichnet sich nicht nur durch zwei Regisseure aus, sie folgt auch einer langen Tradition, wenn diese beiden auch auf der Bühne agieren – Hatzopoulos verkörpert den Dorfrichter Adam und Karazisis den Gerichtsrat Walter. Die beiden unterschiedlichen Rechtsauffassungen, für welche die Hauptfiguren einstehen, prägen die Szene. Da sind auf der einen Seite Walter und der Schreiber Licht, die für Erneuerung und unabhängige Rechtssprechung stehen, auf der anderen Seite finden sich Adam und die Dorfgemeinschaft, welche noch in einem quasi vormodernen, Gewohnheitsrecht folgenden Status verharren. Die Kostüme von Vasiliki Syrma und noch mehr das reiche gestische Repertoire der Dorfbewohner – man wähnt sich passenderweise eher im griechischen denn im niederländischen Hinterland – machen das deutlich. Im Zentrum des Geschehens tritt den Verrenkungen und Posen Adams Walters ruhige, sachliche Art entgegen. Die Gerichtsverhandlung, der ja grundsätzlich immer etwas Theatrales anhaftet, wird gleichsam als Theater auf dem Theater inszeniert. Walter sitzt als Beobachter und indirekter Regisseur des Geschehens – wobei der Schauspieler Karazisis ja tatsächlich einer der Regisseure ist – im vorderen Bereich des Zuschauerraums. Walter lenkt, was auf der Bühne passiert.

Hatzopoulos und Karazisis breiten die Handlung der Komödie lustvoll und detailreich vor den Zuschauern aus. Clio Boboti steuert ein ebenso simples wie überzeugendes Bühnenbild bei, das mit abgehängten und abgelegten Prospekten den Gerichtssaal in zwei Hälften teilt und dabei stets das Theatralische des Geschehens unterstreicht. Das wichtigste Objekt auf der Bühne ist nicht der zerbrochene Krug, dessen Scherben Marthe wortreich erläutert, sondern der Richterstuhl. Adam schleift diesen während der Verhandlung immer wieder durch den Raum, was den schlingernden Kurs seiner Gerichtsführung treffend veranschaulicht. Das schliesslich kurzzeitig auch Marthe Rull und Veit Tümpel auf dem Stuhl zu sitzen kommen, zeigt, wie Adam die Kontrolle über das Verfahren verliert. Der Schlussteil bringt ein Erscheinen und ein Versinken. Panagiotis Panagopoulos als Brigitte tritt gleichsam als personifizierter Aberglauben von einem sich öffnenden Spalt im rückwärtigen Prospekt auf. Adam kann für einen Moment hoffen, die Tat als Werk des Teufels deklarieren zu können. Schliesslich aber erweist sich seine Schuld als offensichtlich und der Dorfrichter verschwindet ganz konkret in der Versenkung.

Die gelungene Inszenierung lebt nicht zuletzt von ihren Dastellern. Neben den bereits erwähnten Hatzopoulos als Adam und Karazisis als Walter, die auch in ihren sprachlichen Gebärden Antipoden sind, stechen zwei weitere Akteure heraus. Martha Frintzila gibt eine so geschwätzige wie gewitzte Marthe Rull, während Thanos Tokakis das ganze Repertoire an griechischen Alltagsgebärden treffsicher vorträgt. Neben diesen erfreuen mit ihrem Spiel Giorgos Simeonidis als Schreiber Licht, Kitty Paitazoglou als Eve, Giorgos Giannakakos als Veit Tümpel, Alexandra Ospici als Hanfried sowie Elena-Maria Ilia und Christina-Melina Polyzoni als Mägde – und eben und nicht zu vergessen Panagiotis Panagopoulos, der als durch Kostümierung ausgewiesenes Zwitterwesen mit prächtigem Kopfschmuck Brigitte darstellt. Alle Beteiligten verhelfen Kleists Komödie zu einem grossen Auftritt am Athener Nationaltheater. 

Das Publikum im beinahe vollen Haus spendet begeisterten, mit Bravorufen durchsetzten Beifall.

Ingo Starz (Athen)

 

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