Griechisches Nationaltheater, Athen : Anton Tschechow: Der Kirschgarten
Besuchte Vorstellung am 25. März 2026
Verstimmt und verspielt

Foto: Giechisches Nationaltheater
Anton Tschechows Dramen sind in Griechenland sehr beliebt. Grössere und kleinere Theater bringen diese regelmässig auf die Bühne. Die meisten Inszenierungen fallen konventionell aus. Das Griechische Nationaltheater zeigt das Stück nun auf seiner Hauptbühne und die zahlreichen Vorstellungen waren schon vor der Premiere gut ausgelastet. Das geschah wohl auch, weil ein bekannter Regisseur das Werk in Szene setzte. Ektoras Lygizos hatte in der jüngsten Vergangenheit etwa mit einer Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Untergeher“ für ein volles Auditorium auf der Alternativen Bühne der Nationaloper gesorgt. Sein Interesse an der Musikalität der Sprache traf sich dort ganz gut mit Bernhards Text.
Nun widmet sich Lygizos also Tschechow und setzt hier, wie man lesen kann, einen „musikalischen Realismus“ in Szene. Bespielt wird im wesentlichen die Vorderbühne, wo ein Wohnraum mit Ausblick auf den Kirschgarten zu sehen ist. Da eine Treppe zur Unterbühne führt und Dachschrägen zu sehen sind, möchte man es für eine Dachkammer halten. Dagegen spricht allerdings der hinten angrenzende Garten, von dem die Akteure mitunter direkt in den Raum gelangen. Man darf vermuten, dass das Bühnenbild von Myrto Lamprou bewusst Verwirrung stiften will und auf ein „paradiesisches“ Refugium anspielt, das den noch dort Lebenden abhanden kommt. Dem ganzen Setting haftet, nicht unpassend, wenn man das eben Gesagte in Betracht zieht, etwas unwirklich-kitschiges an. Leider weist das, was in diesem Raum und Garten geschieht, dieselbe übersteigerte Gestimmtheit auf. Was hat es mit dem „musikalischen Realismus“ der Inszenierung auf sich?
Lygizos animiert die Schauspielerinnen und Schauspieler zu grossen Gesten und Bewegungen, man könnte auch von übertriebenem Spiel sprechen. Er verwendet immer wieder Musik, lässt aber das Ensemble vor allem einen artifiziellen Ton anstimmen. Es geht dem Regisseur offensichtlich darum, einen bestimmten Sound für seine Inszenierung zu kreieren. Bedauerlicherweise schafft es diese Künstlichkeit in Sprechen und Spiel nicht, den Figuren tiefere Charakterzüge abzugewinnen. Der Abschied vom alten Leben, der Verlust des Landgutes der Ranjewsksja entwickelt weder melancholischen Weltschmerz noch andersweitige Erschütterungen. Gefangen in der Form bleiben die Aussagen der Darsteller um Ektoras Lygizos, der als Lopachin auf der Bühne steht, flach und manchmal „unverständlich“. Giorgos Ziakas, Giannis Klinis, Sofia Kokkali, Ivonni Maltezou, Maria Moschouri, Amalia Moutoussi, Rania Oikonomidou, Giannis Papadopoulos, Katerina Patsiani und Fivos Simeonidis agieren zusammen mit Lygizos auf der Bühne. Die Inszenierung verwehrt ihnen, den Abschied vom Kirschgarten glaubhaft und sinnstiftend zur Darstellung zu bringen. Da ist kein gesellschaftlicher Wandel zu sehen, man wird vielmehr Zeuge belanglosen Geplappers.
Das zahlreich erschienene Publikum spendet am Schluss freundlichen Beifall. Es gibt auch ein paar zaghafte Bravorufe.
Ingo Starz (Athen)

