Griechische Nationaloper, Athen: Amilcare Ponchielli: La Gioconda
Besuchte Vorstellung am 25. Oktober 2025
Eine misshandelte Frau

Foto: Griechische Nationaloper
Für die Saisoneröffnung hat die Griechische Nationaloper ein hier nicht so häufig gespieltes Werk ausgewählt, Amilcare Ponchiellis „La Gioconda“. Die Inszenierung von Oliver Mears war bereits bei den Osterfestspielen in Salzburg und am Royal Opera House in London zu sehen. Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich, wie man lesen konnte. Die Athener Besetzung bietet ein paar namhafte Sänger auf, die stimmlichen Glanz versprechen. Es ging wohl vorderhand darum, eine opulent daherkommende Oper auf der Bühne zu haben, die das hiesige Publikum beeindruckt. Und in der Tat, das Publikum zeigt sich beeindruckt.
Der Regisseur Oliver Mears sowie der Bühnenbildner Philipp Fürhofer und die Kostümbildnerin Annemarie Woods verlegen die Handlung in eine unbestimmte Gegenwart, die freilich nach wie vor in historischer Architektur stattfindet. Man darf dem Regisseur zu Gute halten, dass er mit einem kurzen Vorspiel und den Ballettszenen, eine Vorgeschichte zeigt, die La Gioconda ganz klar als sexuelles Opfer von Barnaba kenntlich macht. Das gibt der ganzen Geschichte um Liebe, Eifersucht und Verzicht eine gewisse Tiefe. Die Personenführung bleibt allerdings zu konventionell, um das Werk zu einer packenden, zeitgenössischen Erzählung über sexuelle Gewalt und Ausbeutung zu machen. Es schaut dann doch vieles zu hübsch und wohl geordnet aus. Aber gut, ein interessanter Ansatz ist immerhin vorhanden.
Am Pult des Orchesters der Griechischen Nationaloper steht Fabrizio Ventura. Der Italiener macht seine Sache ganz ausgezeichnet. Er sorgt für klangliche Transparenz und dirigiert ausgesprochen sängerfreundlich. Die Musiker und Musikerinnen folgen ihm bestens und hauchen der Partitur gekonnt Leben und Farben ein. Eine rundum erfreuliche Leistung des Orchesters. Dasselbe lässt sich auch für Chor und Kinderchor der Nationaloper sagen. Agathangelos Georgakatos und Konstantina Pitsiakou haben die Kollektive bestens präpariert.
Das Ensemble auf der Bühne wird von Anna Pirozzi als La Gioconda angeführt. Sie vermag ihrer dramatischen Stimme glutvolle Töne und ein eindrückliches Piano zu entlocken. Auch darstellerisch weiss sie zu überzeugen. Francesco Pio Galasso singt den Enzo sicher, aber eher farblos und bleibt als Darsteller blass. Dimitri Platanias ist in Athen so etwas wie eine sichere Bank mit seinem kraftvollen Bariton. Zwischentöne und Bühnenaktion sind leider weniger seine Sache. Alisa Kolosova singt die Laura farbenreich und auf hohem Niveau. Der Publikumsliebling Anita Rachvelishvili ist zurück auf der Athener Bühne. Sie hat ihre Stimme wiedergefunden, welche nun dunkler und kompakter klingt. Tassos Apostolou ist ein sehr solide klingender Alvise. Auf gutem Niveau präsentieren sich in kleineren Rollen Maxim Klonovskiy als Zuàne, Yannis Kalyvas als Isèpo, Ioannis Kontellis als Mönch, Yannis Stamatakis als Sänger sowie Babis Velissarios und Christos Lazos. Ein vokal hochstehender Abend.
Das Publikum ist sichtbar erfreut von der Aufführung. Am Schluss gibt es reichlich Beifall und Bravorufe für die Beteiligten.
Ingo Starz (Athen)

