Griechische Nationaloper, Athen
La Bohème
Besuchte Vorstellung am 27. Dezember 2023
Gealterte Künstler-WG
Der im Juli 2021 verstorbene Graham Vick war eine prägende Figur des internationalen Opernbetriebs. Mehr in Birmingham als auf den Bühnen grosser Häuser vermochte er es, neue Sichtweisen auf altbekannte Werke zu eröffnen und das Publikum nah an das Geschehen heranzuführen. Sein „Fidelio“ in Birmingham vereinte Sänger, Musiker und Orchester in einem Raum, band alle in das Geschehen mitein. An der Griechischen Nationaloper inszenierte Vick 2007 Giacomo Puccinis „La Bohème“. Als Giorgos Koumendakis 2017 die Leitung der Nationaloper übernahm und das neu errichtete Opernhaus bezog, gehörte die Wiederaufnahme von Vicks Inszenierung zu den ersten Programmpunkten. Es wurde hier darüber berichtet. Nun steht diese Produktion erneut auf dem Spielplan.
Vick siedelt das Geschehen der Oper in der Gegenwart an. Der erste Akt zeigt das bescheidene, aber auch etwas bieder wirkende Refugium einer Künstler-WG. Das wirkt doch schon leicht veraltet, wenn man sich das Interior anschaut. Da für das Olympia-Theater geschaffen, nimmt der wenig Bühnentiefe einnehmende Raum nicht die ganze Bühnenbreite des neuen Hauses ein. Die Hauptakteure sind zwar vom Regisseur gut im Raum bewegt, die Gebärden und Aktionen wirken jedoch ein wenig so als ob sich jemand vorstellt, wie sich junge Leute aufführen. Musetta im zweiten Akt wird recht plakativ als verführerisches Flittchen auf die Bühne gebracht. Das Streetart-Bild im dritten Akt zeigt zwar Gegenwart an, aber auch hier würde man sich ein frischeres, authentischeres Spiel der Akteure wünschen. Die Künstler-WG versprüht kaum jugendlichen Übermut. Das Orchester unter der Leitung von Ondrej Olos spielt ganz gut, ohne viel Klangsinnlichkeit zu bieten. Der Chor und Kinderchor der Nationaloper erweisen sich als gut vorbereitet.
Was die Aufführung tatsächlich am meisten schwächt, ist die Sängerbesetzung. Yannis Christopoulos als Rodolfo, Vassiliki Karayanni als Mimi und Cellia Costea als Musetta sind nicht mehr die Jüngsten und passen kaum in eine Inszenierung, die uns Jugendlichkeit vermitteln will. Christopoulos‘ Tenor mangelt es an Höhenglanz und Volumen, Karayanni an tonlicher Rundung und Farbe. Costea ist mit dramatischen Schärfen und fehlender Leichtigkeit in der Tongebung deutlich überreif für Musetta.
Als Marcello neigt Dionysios Sourbis bei vollem Ton zum Tremolo, zeigt aber gute gestalterische Details. Alle anderen Sänger, etwa Nikos Kotenidis als Schaunard und Tassos Apostolou als Colline, treffen sich auf einem soliden Niveau. Manche sehen die Griechische Nationaloper schon auf dem Weg in die erste Reihe der Opernhäuser. Diese Aufführung gleicht aber wohl eher deutschem Stadttheaterniveau.
Am Ende gab es herzlichen Beifall für alle Beteiligten.
Ingo Starz (Athen)

