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ATHEN/ Griechische Nationaloper: Giorgos Koumendakis: Requiem for the End of Love 

01.02.2026 | Oper international

Griechische Nationaloper, Athen : Giorgos Koumendakis: Requiem for the End of Love 

Besuchte Vorstellung am 28. Januar 2026 

Zu schön um wahr zu sein 

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Foto: Griechische Nationaloper

Der Verfasser erinnert sich an ein Gespräch mit Giorgos Koumendakis kurz nach der Eröffnung des neuen Opernhauses. Darin ging es um die Bedeutung von Dirigenten und Regisseuren für die künstlerische Entwicklung des Hauses. Der Name Dimitris Papaioannou kam dabei zur Sprache. Jahre später kommt es nun zu einem griechischen Gipfeltreffen in der Athener Oper. Dazu erfährt eine szenische Produktion von 1995 ein Revival: Giorgos Koumendakis‘ „Requiem for the End of Love“ in der Regie von Dimitris Papaioannou. Für das Dirigat konnte der nicht unumstrittene Teodor Currentzis gewonnen werden. Die „Performance-Installation“, deren Besuchsdauer nur 40 Minuten beträgt, wurde zu einem Kassenschlager. Alle zwölf Vorstellungen waren in Windeseile ausverkauft. Das Publikum schien ein Grossereignis zu erwarten. Was hat es nun mit diesem „Requiem for the End of Love “ auf sich?

Koumendakis‘ Werk, das im Austausch mit Papaioannou konzpiert wurde, hat einen präzisen gesellschaftlichen Kontext: Den durch Aids verursachten Tod vieler homosexueller Männer seit Anfang der 1980er Jahre. Der Komponist hat ihnen eine Totenmesse geschaffen. Diese folgt nicht der traditionellen Gliederung, geht nicht vom „Requiem aeternam“ zum „Lux aeterna“, sondern vertont ein Gedicht und kreiert im Dialog mit der musikalischen Tradition eine ganz eigene Form. Das Gedicht „Lazarus“ von Demetrios Capetanakis bildet die Textgrundlage. Es handelt vom Tod, der an die Tür klopft, aber auch von der Kraft der Liebe. Koumendakis hat dazu eine dunkel-expressive Musik geschaffen, die tonal mit wenigen effektvoll eingesetzten Dissonanzen daherkommt. Der Vokalpart schwingt sich in lichtere Höhen auf, zeigt repetitive Tonmuster in der hohen Lage. Diana Nosyreva singt den Engel des Todes ausgezeichnet, mit hellem, gerundeten Ton. Überhaupt präsentiert sich die musikalische Seite der Aufführung unter Currentzis‘ Leitung auf hohem Niveau. Das kleinbesetzte Opernorchester und das von Agathangelos Georgakatos geleitete Meizon-Gesangsensemble agieren äusserst präsise und lassen die Musik mit grossem Ausdruck, man könnte sagen mit Vehemenz erklingen.

Papaioannou’s szenische Umsetzung bringt grosse, schöne Bilder auf eine monumentale Treppenarchitektur. Papaioannou male mit Körpern, sagt Eva Stefani, die im letzten Jahr einen Dokumentarfilm über den Künstler herausgebracht hat. In der Tat kommt der Grieche von der bildenden Kunst und nutzt die 48 Männerkörper auf der Bühne wie formbares Material. Da sieht man erst, wie zwei Männer eine Blutsbrüderschaft mit zur Schau gestelltem Kelch zelebrieren. Dann folgt das Auge den die Stufen herabfallenden Körpern, die in einer Bühnenöffnung verschwinden. Später werden Körper christusgleich getragen und unterhalb der Treppe aufgebahrt, was an barocke Bildkompositionen gemahnt. Die szenische Interpretation des Requiems spart weder mit grossen Gesten noch mit religiöser Aufladung. Musik und Szene fügen sich sehr gut zusammen, präsentieren schöne, deutliche Klänge und Bilder. Man kann dabei leicht die grausame Realität der frühen Aids-Jahre vergessen. In gewissem Sinne ist diese Performance zu schön um wahr zu sein. Musik und Szene ersparen uns Erschrecken und Anklage einer gelebten Zeitgenossenschaft. Man fühlt sich als Zuschauer eher an längst Vergangenes erinnert. 

Das Publikum reagiert am Ende mit grossem Enthusiasmus auf die Darbietung und feiert alle Beteiligten. 

Ingo Starz (Athen)

 

 

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