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Athen/ Griechische Nationaloper: DON GIOVANNI. Don Giovanni lädt zur Sexparty

24.10.2022 | Oper international

Griechische Nationaloper : Don Giovanni 
Besuchte Vorstellung am 23. Oktober 

Don Giovanni lädt zur Sexparty

gridon
Copyright: Griechische Nationaloper

Die Neuinszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ sollte im Dezember 2020 dem Publikum der Griechischen Nationaloper präsentiert werden. Aufgrund der Pandemie war dies nicht möglich und so erschien die Aufführung zunächst in gefilmter Form auf der Online-Plattform des Opernhauses. Nun wurde mit „Don Giovanni“ in der Inszenierung von John Fulljames die hiesige Saison eröffnet. Im Programmheft preist die Kulturministerin Lina Mendoni den unermüdlichen Einsatz und die Verdienste von Direktor Giorgos Koumendakis und der Hausherr klärt uns darüber auf, warum es einer Aufführung von Mozarts Don Giovanni bedarf (er scheint die Wissenslücken des Athener Publikum zu kennen). Aus der Inszenierung geht letzteres leider kaum hervor und zu preisen gibt es bei näherer Betrachtung dieser Aufführung kaum etwas. 

Die Inszenierung von Fulljames verlegt die Handlung in ein Hotel, wobei dieses unsere Welt gleichsam als Mikrokosmos erfassen soll. Das Publikum schaut auf eine noble Herberge, auf dessen Lobby, auf Hotelflure, blickt in Hotelräume, die Rooftopbar und auf den Hinterhof. Das Bühnenbild von Dick Bird ermöglicht schnelle Verwandlungen, aber keine Einsichten. Der vom Regisseur vorgetragene Gedanke, dass in einem Hotel Menschen unterschiedlicher sozialer Klassen zusammenkommen, stimmt in Hinblick auf die Differenz zwischen Gästen und Personal. Da das Hotelpersonal im Operngeschehen stumm bleibt, ist aber kein sozialer Konflikt ersichtlich. Stattdessen tun sich Fragen auf: Warum lockt Donna Anna mit freizügiger Geste den Titelhelden in ihr Zimmer? Was haben Zerlina und Masetto mit ihrer Hochzeitsgesellschaft in dieser offensichtlich teuren Umgebung zu suchen? Wie passt der von Feuer untermalte Abgang des Titelhelden in ein Hotel, das so nah an der Realität sein will? Und warum veranstaltet Don Giovanni eine Sexparty in seinem Hotelzimmer (was die Handlung gleichsam rahmt)? Neben dramaturgischen Mängeln tun sich Probleme in der Personenführung auf. Wo grosse Operngesten zum Einsatz kommen oder tendenziell überagiert wird, bleibt das Hotel reine Kulisse, entpuppt sich der gutgemeinte Ansatz als Behauptung. Statt intimer Darstellung treten Effekte, wie der Blick von der Bar auf die nächtlich illuminierte Stadt (inklusive Feuerwerk), in den Vordergrund. Die Figuren gewinnen unter Fulljames‘ Regie leider keine deutlichen Konturen. 

Chor (Einstudierung: Agathangelos Georgakatos) und Chor bieten eine solide Leistung. Der Dirigent, Ondrej Olos, der vor wenigen Jahren am Haus eine eindringliche Produktion von Janáčeks „Die Sache Makropoulos“ leitete, vermag mit Mozart nicht zu überzeugen. Schleppende Tempi und ein Fehlen dessen, was Nikolaus Harnoncourt einst als Klangrede bezeichnete, sorgen für beträchtliche Langeweile im Graben und auf der Bühne. Von den Sängern zieht sich Petros Magoulas als Commendatore mit wohltönendem Bass am besten aus der Affäre. Auch mit Nikos Kotenidis als Masetto und Miranda Makrynioti als Zerlina lässt sich gut leben. Die Hauptakteure offenbaren unterschiedliche Defizite. Vassilis Kavayas als Don Ottavio bleibt mit fadem Timbre und etwas nasaler Höhe stimmlich blass. Cella Costea ist eine überreife Donna Elvira. Ihre Stimme gerät häufiger aus dem Fokus und in hohen Lagen tönt sie bisweilen scharf. Myrsini Margarita hat die Töne der Donna Anna, lässt aber Innigkeit im Ausdruck und tonliche Rundung vermissen. Der Leporello von Yanni Yannissis ist schon in die Jahre gekommen. Der Sänger macht seine Sache gut, Frische und Leichtigkeit im Tonansatz findet man freilich nicht. Neben dem Dirigenten enttäuscht vor allem der Sänger der Titelpartie. Dionysios Sourbis kann weder szenisch noch stimmlich an grosse Rollenvertreter anschliessen. Sein Bassbariton neigt zum Tremolo und im Piano zeigt sich ein Mangel an stimmlicher Substanz. Die Champagnerarie, um ein signifikantes Beispiel zu nennen, verliert darum und wegen des spannungslosen Dirigats seine prickelnde Wirkung. 

Das Publikum spendet am Schluss kräftigen Applaus, einzelne Bravorufe ertönen. Die meisten Anwesenden scheinen sich weniger gelangweilt zu haben als der Verfasser.

Ingo Starz (Athen)

 

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