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ATHEN/ Griechische Nationaloper/Alternative Bühne: BEN UND IMO von Mark Ravenhill. Der Komponist und seine Muse

26.01.2026 | Theater

Griechische Nationaloper / Alternative Bühne, Athen Mark Ravenhill: Ben und Imo

Besuchte Vorstellung am 25. Januar 2026

Der Komponist und seine Muse

holst

Eine Oper von Benjamin Britten wird man wohl nicht so schnell auf der grossen Bühne der Griechischen Nationaloper zu sehen bekommen. Da ist es erfreulich, dass auf der Alternativen Bühne nun ein Theaterstück zu erleben ist, das eine Episode aus dem Leben des britischen Komponist behandelt. Verfasst hat das Werk der bekannte, britische Dramatiker Mark Ravenhill. Der Text diente zunächst gar nicht für eine Bühnenaufführung, sondern kam als Hörspiel daher. Man merkt dies dem unaufgeregt dahinfliessenden Geschehen und dem Sprachfluss auch ein wenig an. Das dramatische Konfliktpotenzial hält sich bei diesem Werk doch in Grenzen. 

Ravenhills „Ben und Imo“ erzählt von einigen Monaten der Jahre 1952 und 1953. Benjamin Britten arbeitet an seiner Oper „Gloriana“, in der es um die Beziehung von Elisabeth I. zu dem Grafen von Essex geht. Die Uraufführung ist Teil der Krönungsfeierlichkeiten für Elisabeth II. und erlebt am 8. Juni 1953 seine Uraufführung am Royal Opera House. Britten gewinnt für die Kompositions- und Vorbereitungsphase Imogen Holst, Tochter des bekannten Komponisten Gustav Holst, als musikalische Assistentin. Das Stück zeigt die Höhen und Tiefen dieser Arbeitsbeziehung, über die wir aus Imogens Tagebüchern recht viel wissen. Die Frau arbeitet Britten zu, erweist sich in Momenten aber auch als Muse. Die Dialoge streifen Ereignisse von Brittens Leben und geben ein wenig Auskunft über Imogens Tätigkeiten.

Giorgos Skevas hat Ravenhills Stück übersetzt und in Szene gesetzt. Der Ausstatter Yiannis Katranitsas hat das Innere von Brittens Haus in dem Küstenort Aldeburgh, wo der Komponist 1948 ein Musikfestival gegründet hatte, stilsicher auf die Bühne gesetzt. Simi Tsilali hat kurze, kammermusikalische Musikstücke geschaffen, die vom Band eingespielt zwischen den Szenen erklingen. Wie schon bemerkt, breitet sich die Handlung in einer gewissen Beschaulichkeit aus. Das Ganze wirkt ein bisschen wie eine Lehrstunde in Musikgeschichte. Auch wenn man sich mehr Details über Musik und zeitliche Umstände gewünscht hätte, das Stück hat durchaus seinen Reiz. Trotz Unstimmigkeiten und einer Einladung in die USA bleibt Imogen Benjamin Britten am Ende als Assistentin erhalten.
Und man weiss, dass sie Britten bis zu dessen Lebensende nahe stand. Imogen Holst wirkte nämlich viele Jahre als Co-Leiterin des Aldeburgh Festivals. 

Auf der Bühne sorgen Aris Balis als Ben und Angeliki Papathemeli für den richtigen Ton. Beide kommen mit sparsamen Gesten aus und man gewinnt den Eindruck, dass hier britisches Understatement als Vorbild diente. Es ist ein schöner, anregender, gelungener Abend auf der Alternativen Bühne. Und einer, der einen über die Geschlechterrollen nachdenken lässt. Eine hochbegabte Frau, eine Komponistin und Lehrerin, die dem wichtigsten britischen Komponisten der Zeit zudient – da hätte der Regisseur vielleicht ein Fragezeichen setzen können. Die Musik von Imogen Holst erklingt nämlich bis heute viel zu wenig in Konzertprogrammen.

Das Publikum spendet am Schluss warmen, anhaltenden Beifall. 

Ingo Starz  (Athen)

 

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