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ATHEN/ Greek National Opera: LE NOZZE DI FIGARO

Figaro expanded

30.03.2019 | Oper


Copyright: Greek National Opera

Greek National Opera, Athen: Le nozze di Figaro. Besuchte Vorstellung am 29. Maerz 2019

Figaro expanded

Wolfgang Amadeus Mozarts Oper “ Le nozze di Figaro“ gehört zu den Eckpfeilern des Repertoires und ist nun nach „Der Zauberflöte“ das zweite Werk des Komponisten, welches im neuen Athener Opernhaus auf die Bühne gebracht wird. Alexandros Efklidis, der Leiter der Alternativen Bühne des Hauses, tritt als Regisseur in Erscheinung. Es scheint, dass es ihm dabei auch ein Anliegen ist, dem Publikum die erweiterten Möglichkeiten der Institution gebührend vor Augen zu führen. Dass die erste Aufführung der Produktion aus technischen Gründen um einige Tage verschoben wurde, gab schon im Vorfeld einen Hinweis in diese Richtung. Was man nun geboten bekommt, könnte man in Hinblick auf das Libretto als eine expanded version von Mozarts „Figaro“ bezeichnen.

Der Regisseur und sein Bühnenbildner Yannis Katranitsas bringen nicht nur einen tollen Tag im Hause Almaviva auf die Bühne, sondern sie führen den Betrachter auch durch alle Winkel des adligen Heims. Die horizontal angeordneten Räume sind verschiebbar, so dass man durch die Portalöffnung jeweils zwei oder drei davon sehen kann. Das Ganze erinnert etwas an eine Puppenstube, auch weil die Räume reichhaltig mit Gegenständen ausgestattet sind, welche wie aus der jüngsten Vergangenheit zusammengeklaubt wirken. Wegen der Kostüme (Ioanna Tsami) ist man geneigt, dass Geschehen ungefähr 50 Jahre vor unserer Zeit anzusiedeln – mindestens tritt Figaro wie ein 68er auf. Was der Regisseur in diesem Setting macht, ist, dass er uns zahlreiche Parallelhandlungen präsentiert, welche die Erzählung erweitern resp. einzelne Aspekte verstärken. Leider führt dieses Verfahren kaum in interpretatorische Tiefen, sondern zielt eher auf die trivialen Momente, die man natürlich in der Handlung sehen resp. finden kann. So landet etwa Graf Almaviva bereits während der Ouvertüre mit Barbarina im Bett. Das ist wie ein Fingerzeig auf das, was folgen wird. Efklidis gewinnt dem Werk nur ein wenig mehr Realität ab, vermag aber nicht, auf die symbolische Ebene, wo es um den Eros und nicht um Sex geht, vorzudringen. „Le nozze di Figaro“ gerät so zu einer Art TV-Soap.

Der Dirigent der Aufführung liefert schon überhaupt keinen Grund zur Freude. Marios Papadopoulos‚ Dirigat erweist sich als unflexibel in Rhythmus und Tempo und frei von jeglicher Klangrede, weshalb man schwerlich von einer Interpretation sprechen kann. Noch schlimmer ist, dass Papadopoulos über weite Strecken nicht in der Lage ist, Orchester und Sänger zusammenzuhalten. Bühne und Graben driften regelmässig auseinander! Da ist es nicht verwunderlich, dass das Ensemble verunsichert scheint. Die sängerischen Leistungen weisen denn auch nur ein ordentliches bis gutes Niveau auf. Dimitris Tiliakos als Graf Almaviva und Artemis Bogri als Cherubino zeigen schöne Leistungen, die gestalterisch fraglos noch ausbaufähig sind (wofür es allerdings eines besseren Dirigenten bedarf). Beim Figaro von Panagiotis Iconomu muss man sich an  rauhe Töne im Forte, bei der Gräfin von Maria Mitsopoulou an einen Mangel an tonlicher Rundung und Pianoqualitäten gewöhnen.

figaro
Copyright: Greek National Opera

Vassiliki Karayanni ist der Susanna eigentlich schon entwachsen, während Dimitris Kassioumis noch immer einen überzeugenden Bartolo abgibt. Marilena Striftobola als Barbarina lässt mit ihrer schön vorgetragenen Arie aufhorchen. Elena Kelessidi als Marcellina, Nikos Stefanou als Basilio (mit guter Präsenz), Stamatis Beris als Don Curzio und Kostis Rasidakis als Antonio runden das Ensemble ab. Der von Agathangelos Georgakatos einstudierte Chor schlägt sich wacker.

Man erwartet sicher kein Mozartensemble auf Topniveau in Athen, man darf aber erwarten, dass ein Dirigent am Pult steht, der Herr der Lage ist. Ohne eine leitende Hand gerät eine Aufführung, und der Athener „Figaro“ demonstriert dies sehr deutlich, schnell zu einem Ritt über den Bodensee. Das Resultat ist eine dürftige Wiedergabe der Musik. Am Schluss gab es freundlichen Beifall.

Ingo Starz

 

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