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ATHEN/ Greek National Opera: FROM RUSSIA WITH LOVE

Strawinsky gezaehmt

23.04.2019 | Ballett/Tanz


Copyright: Greek National Opera

Greek National Opera, Athen
From Russia with love

Besuchte Vorstellung am 21. April 2019

Strawinsky gezaehmt

Das Ballett der Griechischen Nationaloper wendet sich einem Klassiker des Tanzrepertoires zu und bringt unter dem Titel „From Russia with love“ drei Ballette von Igor Strawinsky auf die Buehne: „Le Sacre du printemps“, „Le Chant du Rossignol“ und „Le noces“. Es ist fraglos interessant, diese unterschiedlichen Werke, welche alle fuer Sergei Djagilews Ballets Russes geschaffen wurden, zusammen praesentiert zu bekommen. Bedauerlich ist nur, dass die beiden erstgenannten Stuecke nur mit Klavierbegleitung zur Auffuehrung kommen. Das nimmt insbesondere dem beruehmten „Le Sacre du printemps“ viel von seiner ueberwaeltigenden Wirkung. Die Musik klingt in diesem Fall allzu gezaehmt – und stellenweise auch etwas duenn. Bemerkenswert ist dagegen, dass „Le noces“ in Orginalbesetzung, also mit vier Klavieren, Percussionnensemble, vier Gesangssolisten und Chor erklingt.

Strawinskys „Le Sacre du printemps“, eine Ikone der Musik- und Tanzgeschichte, ist in einer neuen Choreografie von Daphnis Kokkinos zu sehen. Der griechische Taenzer des Wuppertaler Tanztheaters hat viele Jahre mit Pina Bausch zusammengearbeitet. Man merkt Kokkinos‘ Bewegungsfolgen den Einfluss der beruehmten Choreografin an. Leider kann sein Konzept, welches allzu bieder auf die Wechselfaelle des Lebens in Paarbeziehungen zielt, nicht an bedeutende Buehnenversionen des Werks anknuepfen. Kurze Videos zu Beginn weisen den Weg, der zu Familiengeschichten fuehrt. Mit solchen Mikrogeschichten laesst sich die kraftvolle, manchmal geradezu aggressive Musik kaum in Einklang bringen – selbst wenn man in Betracht zieht, dass die von zwei Pianisten gespielte Version nur einen gedaempften Eindruck des Originals vermittelt. Es mangelt der Choreografie an einer grossen Linie und auch an interessanten Details. Das Ritual ist zum Ehegeplaenkel verkuemmert.

Interessanter ist das schon der zweite Teil des Abends. Marco Goecke, der in Kuerze das Ballett der Staatsoper Hannover uebernimmt, fokussiert in dem kurzen Stueck „Le Chant du Rossignol“ gekonnt auf die Eigenheit des Vogelgesang. Die Choreografie wurde 2009 fuer das Leipziger Ballett geschaffen und 2015 in einer ueberarbeiteten Version in Stuttgart herausgebracht. Goecke erfindet eine eigene Bewegungssprache fuer die singende Nachtigall, imaginiert treffend deren Gefangenschaft wie die wiedergefundene Freiheit. Es sind kurze Szenen, praezise gearbeitete Bewegungssequenzen. Am Schluss faellt Regen auf die Buehne, Wasser, welches gleichsam den Vogel und seinen Gesang zum Verschwinden bringt. Die Choreografie steuert keinem Finale zu, der Tanz, so koennte man sagen, verloescht. Dies geschieht langsam und unspektakulaer. Goeckes Werk ist eine sehenwerte, von intimem Leben erfuellte Miniatur.

Den Abschluss des Ballettabends bildet eine Arbeit des hiesigen Ballettdirektors Konstantinos Rigos. Er hat „Le noces“ bereits im Jahr 1993 auf eine kleine Athener Buehne gebracht und das Stueck spaeter ueberarbeitet resp. verkuerzt. Nun kommt seine Choreografie auf die Bretter des Opernhauses. Wie Rigos auf die Hochzeitsvorbereitungen, von denen das Werk erzaehlt, blickt, bringt durchaus einige unterhaltsame Momente hervor. Es gelingt dem Choreografen jedoch nicht, eine eigene oder zumindest eindringliche taenzerische Sprache zu finden. In tiefere Schichten dringt seine Arbeit nicht vor: Sie bleibt wie Daphnis Kokkinos‘ Beitrag an der Oberflaeche der Lebensentaeusserungen haften. Da ist die musikalische Seite, welche unter dem Dirigenten Nikos Vassiliou umsichtig zur Auffuehrung gebracht wird, entschieden interessanter.

Das Publikum weiss insbesondere Marco Goeckes Arbeit zu schaetzen, spendet aber auch Konstantinos Rigos‘ Beitrag viel Applaus. Das Ballettensemble der Griechischen Nationaloper hat sich Beifall und Bravi in jedem Fall verdient.

Ingo Starz

 

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