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ATHEN/ Greek National Opera: ÉQUILIBRE / CACTI – Lebensströme

Ballett der Athener Nationaloper

06.05.2018 | Ballett/Tanz


Copyright: Greek National Opera

Greek National Opera, Athen
Équilibre / Cacti
Besuchte Vorstellung am 5. Mai 2018

Lebensströme

Das Ballett der Athener Nationaloper verfügt bereits über eine längere Tradition im klassischen Tanz. Das moderne resp. zeitgenössische Repertoire findet erfreulicherweise in den letzten Jahren zunehmend Berücksichtigung. Dies ist auch dran erkennbar, dass der jetzige Ballettdirektor Konstantinos Rigos wie auch sein Vorgänger Andonis Foniadakis, der nur für die Saison 2016/17 im Amt war, als Choreografen zeitgenössische Formen des Tanzes pflegen. Für einen Ballettabend werden nun zwei Werke zusammen zur Aufführung gebracht: Foniadakis‘ „Équilibre“ und „Cacti“ des Schweden Alexander Ekman. Das Publikum strömt zwar nicht in Scharen, sorgt aber doch für einen gut gefüllten Saal in der dritten von vier Aufführungen.

Die tänzerische Sprache von Andonis Foniadakis vermag es, klassische Ballettfiguren und zeitgenössische Ausdrucksformen gekonnt zu synthetisieren. Das Ergebnis hat Drive wie Eleganz und zeichnet sich durch flüssige Übergänge zwischen den einzelnen Szenen aus. Der Grieche weist seinen Tänzerinnen und Tänzern dabei dankbare Partien zu. So verhält es sich auch bei dem aktuellen Stück „Équilibre“, welches unter dem Titel „Des/Équilibre/s“ beim letztjährigen Summer Nostos Festival der Stavros Niarchos Stiftung in Athen zur Uraufführung gelangte. Zur eingespielten Musik von Philip Glass und Julien Tarride entwirft Foniadakis eine Tanzfolge, die um den Begriff Balance kreist oder – in einem erweiterten Sinn – von „Life Balance“ handelt. Das Geschehen findet unter einer von Sakis Birbilis entworfenen, ornamentalen Gitterstruktur statt, die sich im Lauf der Aufführung immer mehr absenkt. Am Schluss bildet sie eine Art Höhlenraum. Die tänzerische Lebens- und Sinnsuche, die in diesem Raum stattfindet und mit einem eindrücklichen Pas de deux beginnt, bietet schöne Bilder auf, bleibt aber im Rhythmus der Minimal Music auch etwas beliebig. Das zwanzigköpfige Ensemble erfüllt seine Aufgaben auf hohem Niveau.

Alexander Ekmans Choreografie „Cacti“ wurde seit seiner Uraufführung im Jahr 2010 schon vielerorts nachgespielt. Auch dieses Werk, das sinnbildlich auf den Kaktus Bezug nimmt, führt Szenen des Lebens vor Augen. Dazu benutzt Ekman ferner die – auf der Bühne gesprochene – Metapher des menschlichen Orchesters. An einen solchen Klangapparat fühlt man sich durchaus erinnert, wenn man in der ersten Hälfte des kurzen Stücks die zwölf Tänzerinnen und Tänzer auf Podien agieren sieht, teils von einem live auf der Bühne spielenden Streichquartett begleitet. Die tänzerische Sprache des Schweden ist dabei lebensnaher als diejenige von Foniadakis und mutet improvisiert an. Vor allem aber entwickelt sie sehr gelungene komische Momente. Das Ganze fügt sich sehr gut mit den dadaistisch daherkommenden Texten von Spenser Theberge zusammen, welche Teile des Geschehens begleiten. Die Choreografie „Cacti“ balanciert so in heiterer Weise zwischen Ordnung und Chaos. Sie reagiert mit Ironie, Intimität und Minimalismus auf die Klangwelten von Haydn, Beethoven und Schubert. Das Stück endet vor aufgetürmten Podien damit, dass jeder Tänzer einen Kaktus auf die Bühne stellt. Die Stacheln des Lebens bleiben, so scheint es. Der von Ekman zusammen mit Tom Visser geschaffene Bühnenraum sowie das ausgezeichnete Lichtdesign von Visser tragen zum starken Eindruck wesentlich bei.

Das Publikum ist jünger als gewöhnlich und begeisterungsfähig. Für beide Choreografien gibt es anhaltenden Beifall und Bravorufe. Der Ballettabend endet nach kurzweiligen 90 Minuten.

Ingo Starz (Athen)

 

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