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ATHEN/ Epidaurus-Festival, Pereiros 260: IMA – Andi Xhuma: OIKODOMI / Kader Attou: THE ROOTS – Transmission 

06.06.2021 | Ballett/Tanz

Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260

IMA – Andi Xhuma: Oikodomi / Kader Attou: The Roots – Transmission 

Besuchte Vorstellung am 5. Juni 2021

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Kader Attou. Foto: press-kit.jpg

Über Herkunft und Vielfalt

Das Athens Epidaurus Festival konnte im vergangenen Sommer nur eine verkürzte Saison an den traditionellen Aussenspielstätten – im Odeion des Herodes Attikus in Athen und den antiken Theatern von Epidauros – präsentieren. Nun kehrt man an den Hauptspielort, das ehemalige Industriegelände an der Peiraios 260 zurück. Vorplatz und Garten sowie die Hallen, deren Dächer geöffnet wurden, bieten ein umfassendes Openair-Erlebnis. Bis Ende Juli erlebt das Publikum ein überwiegend griechisches Programm,  dann folgt vom 1. September bis zum 10. Oktober der mehrheitlich internationale Teil. 

Der Abend beginnt auf dem Vorplatz, wo man auf eine Baustelle blickt. Die Gruppe IMA des Choreografers Andi Xhuma lässt an diesem Arbeitsplatz zwei musikalisch-tänzerische Welten zusammentreffen: Hip-Hop und Rebetiko. Die vier Tänzer und zwei Musiker bieten zwischen Arbeit und Fussball, ausgelassenem Feiern und Streitsucht zwar einige schöne Details, so richtig zusammengehen wollen die Teile der 30-minütigen Choreografie „Oikodomi“ (Baustelle) aber nicht. Es fehlt an Drive und an Diversity – schliesslich treffen gerade auf Baustellen Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander. Am ehesten bleibt der Anfang im Gedächtnis, wo die Akteure mit Eimer und Werkzeug den Ort zum Klingen bringen. 

Ein entschieden kraftvolleres Bild zeichnet Kader Attou in seinem Werk „The Roots – Transmission„, das mit einem hiesigen Cast für das Festival neu einstudiert wurde. Der Choreograf war der erste Tanzschaffende mit Hip-Hop-Hintergrund, der zum Direktor eines Nationalen choreografischen Zentrums in Frankreich ernannt wurde. Sein 50-minütiges Werk widmet sich der Welt, welcher er entsprungen ist. Ein Sofa und ein Plattenspieler am rechten Bühnenrand (Bühnenbild: Olivier Borne / Kostüme: Nadia Genez) setzen gleichsam die Erinnerung in Gang. Die Musik (Sounddesign: Régis Baillet), die wir hören, ist wie die tänzerische Sprache, die Attou verwendet, ein Mix. Hip-Hop und klassische Formensprache verbinden sich gekonnt und zeigen den Weg, den der Choreograf gegangen ist und geht. Die 15 Tänzerinnen und Tänzer breiten das Werk gekonnt und spannungsvoll vor uns aus, erweisen sich in Breakdance wie in traditionellen Hebefiguren als Könner ihres Fachs. Vielfalt, erzählfreudige Details und Dynamik zeichnen die Arbeit aus.

Die Produktion „The Roots – Transmission“ stellt einen programmatischen Auftakt des diesjährigen Tanzprogramms dar. Es bringt einen namhaften Choreografen nach Griechenland und gibt gleichzeitig der arg gebeutelten lokalen Szene Arbeit. Ein beispielhaftes Projekt von Austausch und Horizonterweiterung. 

Das Publikum in der ausverkauften Halle dankte Kader Attou und seinem griechischen Tanzensemble mit begeistertem Beifall.

Ingo Starz (Athen)

 

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