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ATHEN/ Epidaurus-Festival/ Peiraios 260: Siamese Cie: LAMENTA

16.06.2021 | Ballett/Tanz

Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260

Siamese Cie: Lamenta 

Premiere am 15. Juni 2021

Als ob ein Riss durch die Musik und Körper ginge 

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Copyright: Press-Kit

Das Athens Epidaurus Festival wird nicht nur mehr und mehr als internationaler Kooperationspartner aktiv, es lädt nun auch im Rahmen seines Tanzprogramms ausländische Künstler ein, mit griechischen Tänzerinnen und Tänzern zu arbeiten. Vor zehn Tagen war in diesem Kontext eine Choreografie von Kader Attou zu erleben, nun steht das Werk „Lamenta“ auf dem Programm, in dem sich Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero (Siamese Cie) mit traditionellen griechischen Tänzen auseinandersetzen.

„Lamenta“ bringt ein neunköpfiges Ensemble auf die Bühne, wobei am Premierenabend einer der Tänzer verletzungsbedingt pausieren muss und nur zum Schlussapplaus erscheint. Das Werk setzt sich mit zu Tanz gewordenen Totenklagen auseinander, wie man sie in der nordgriechischen Provinz Epirus kennt. Augustijnen und Torres Guerrero fächern zunächst das Vokabular dieser Tänze auf und stellen die Stationen des Rituals dar. Ausdruck und Schönheit der Bewegung stehen dabei zuerst im Zentrum. Die eingespielte Musik, für welche sich Xanthoula Dakovanou verantwortlich zeichnet, stützt und verstärkt das tänzerische Geschehen. Dann geht gleichsam ein Riss durch die Musik und Körper: Die traditionelle Tanzform wird aufgebrochen, ihr Vokabular erscheint in neuen Konstellationen. Das soziale Gefüge und die Geschlechterrollen werden befragt. Bewegungen und Klang werden um zeitgenössische Elemente erweitert. Kontinuität und Ausbruch liegen gleichermassen in der Luft. Für Momente meint man Street Dance auf der Bühne zu sehen. Das Werk gewinnt an Ausgelassenheit und an Lebensfreude. „Lamenta“ zeigt einen ebenso liebevollen wie behutsam kritischen Blick auf griechische Tanztradition und ein detailreich gestaltetes Bewegungsrepertoire. 

Die Tänzerinnen und Tänzer setzen das Konzept ausdrucksstark in Szene, überzeugen in Soli und als Gruppe. Musik und Tanz bilden über den ganzen Abend hinweg eine beeindruckende Einheit. Die Kostüme von Peggy Housset, das Lichtdesign von Begoña Garcia Navas sowie der von Sam Serruys, Michel Delvigne, Giorgos Dakovanos und Yannis Tavoularis verantwortete Sound tragen zum überzeugenden Gesamteindruck bei. Die Choreografie lässt sich als gedankenreiches und verspieltes Re-working verstehen, das zwar nichts zu sehr auf den Kopf stellt, aber gleichwohl interessante Einblicke gewährt.

Der Schlussapplaus ist kräftig mit vereinzelten Bravorufen.

Ingo Starz (Athen)

 

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