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ATHEN/ Athens Epidaurus Festival Pereiros 260: LA OBRA / DAS STÜCK von Mariano Pensotti. Unwirkliches Leben

15.06.2023 | Theater

Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260
Mariano Pensotti: La Obra / Das Stück 

Besuchte Vorstellung am 14. Juni  2023

Unwirkliches Leben

nuri
Copyright: Nurith Wagner-Strauss

Theater und Film befragen seit längerem und insbesondere in der jüngsten Zeit intensiv die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Und sie weisen dabei immer wieder darauf hin, dass diese Grenze in unserem Alltag häufig genug überschritten wird. Wer hätte nicht einmal versucht, ein anderer zu sein, als er tatsächlich ist. Offensichtlich gerät die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion (oder Fake) in unserer multimedialen Welt zunehmend schwieriger. Mariano Pensotti und seine Grupo Marea entwerfen mit der Performance „La Obra / Das Stück“ eine faszinierende Spielanordnung, die Geschehnisse in Argentinien, Frankreich und dem Libanon beredt und spielfreudig miteinander verbindet. Individuelle Geschichten und Geschichte fügen sich dabei zu einer eindringlichen Erzählung zusammen. 

Im Zentrum der Performance steht eine abwesende Figur, Simon Frank, ein polnischer Jude, der dem Holocaust entkommen und nach Argentinien fliehen konnte. Dort schafft er ein Reenactment seines verlorenen Lebens: Er lässt auf der grünen Wiese Häuser und Plätze seiner Heimatstadt Warschau aber auch ein Konzentrationslager (einen Teil davon) nachbauen und gewinnt die Bewohner einer kleinen argentinischen Stadt als Mitspieler eines jährlichen Rituals: der Aufführung von Simons Leben in Polen. Die Beteiligten geraten immer tiefer in die Geschichte hinein, ihre eigenen Biografien schreiben sich darin ein. Die Aufführungen ziehen Touristen an. Nach Jahrzehnten des Theaterspielens fällt die Wirklichkeit in die argentinische Stadt ein: Polizisten tauchen auf und entlarven den vermeintlichen Juden als Naziverbrecher Jürgen Richter. Die darauffolgende Distanzierung der Laienakteure von ihrem Autor und Regisseur wird wie das Vorangegangene von einer Sprecherfigur begleitet, einem nach Frankreich ausgewanderten Libanesen. Er verknüpft den genannten Fall mit seiner Lebensgeschichte, die von einer irrtümlichen Meinung über den Vater geprägt ist: Dieser entpuppt sich vor dem Hintergrund des libanesischen Bürgerkriegs als Opfer und nicht als Täter, wie lange angenommen. Die beiden Geschichten als Möglichkeitsformen  jüngerer Geschichte sind auf beeindruckende Weise in diesem neunzigminütigen Theaterabend miteinander verstrickt. Viele Fragen zu den Aspekten Realität, Fake und Identität werden aufgeworfen.

Die Ausstattung von Mariana Tirantte ist so simpel wie wirkungsvoll, eben weil sie das Kulissenhafte und Zeitliche betont. Auf einer Drehbühne sehen wir eine einen Halbkreis beschreibende Häuserwand und deren leere Rückwand, die für Videoprojektionen genutzt wird. Das erzählte Theaterspiel und der dokumentierende Bericht des Erzählers erhalten so den passenden Raum. Das gesamte Geschehen wird von Pensotti als Bericht mit kurzen Spieleinlagen auf die Bühne gebracht. Theater und Leben werden lustvoll und gedankenreich in verwirrenden, wechselnden Anordnungen verhandelt. „La Obra / Das Stück“ blickt auf (vermeintliche) Irrtümer der Geschichte, wirbelt Gewissheiten durcheinander und zeigt, was Theater uns lehren kann. Das Ensemble folgt dem Gedankenspiel des Autors und Regisseurs mit wunderbarer Hingabe: Rami Fadel Khalaf, Alejandra Flechner, Diego Velázquez, Susana Pampin, Horacio Acosta und Pablo Seijo. Es ist ein Theaterabend, der erfindet und ganz direkt zum Publikum findet. 

Das Publikum spendet am Schluss langen, begeisterten Beifall. 

Ingo Starz (Athen)

 

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