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ATHEN/ Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260: Yannis Mavritsakis: GRAUTS

09.06.2026 | Theater

Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260

Yannis Mavritsakis: Grauts

Besuchte Vorstellung am 7. Juni 2026

athen
Fernsehstudio surreal

Dem TV-Format der Talkshow haftet fraglos etwas Theatralisches an. Es geht zwar um Gespräche zwischen realen Personen, das Setting markiert aber zugleich eine veränderte Situation. Moderator und Gast finden sich auf einer Art Bühne wieder, wo eine Begegnung oder besser Worte sich leicht ins Komische, Pathetische oder Lächerliche kehren können. Es können dort auch Wortgefechte stattfinden. Insofern ist dieses Setting durchaus ein dankbarer Ausgangspunkt für ein Stück und eine Thesterperformance, wie im Falle von Yannis Mavritsakis‘ „Grauts„, welches nun im Rahmen des Athens Epidaurus Festival zur Uraufführung gelangt. Mavritsakis ist dem griechischen Publikum als Theaterautor bekannt, nun präsentiert er sich auch als Regisseur seines neuen Stücks.

Interessant ist das Thema und der Gast, um das sich die auf die Bühne gebrachte Talkshow dreht. Der Moderator spricht mit einer Art Influencerin, einer Frau mittleren Alters, die rechtsextremen Kreisen nahesteht, LSD-Erfahrung aufweist und der Leute willig folgen. Diese Gefolgschaft führte in einem Fall dazu, dass Eltern fünf Kinder töteten. Das Gespräch setzt mit der Frage ein, warum dies geschehen konnte. Wie können Menschen dazu gebracht werden, ihre eigenen Kinder zu töten, zu glauben, dass ein früher Tod das bessere Los darstellt. Das ist schwere Kost, die um existenzielle Fragen kreisen könnte. Das Setting auf der Bühne (Design: Katerina Vlahbey) schaut so aus, wie man es kennt oder besser kannte, da es etwas in die Jahre gekommen wirkt.

Mavritsakis strukturiert seine Talkshow mit Musik. Das ist dem TV-Genre natürlich nicht fremd. Von Bedeutung ist aber, dass Wahl der Musik auf Gustav Mahlers Kindertotenlieder fällt. Die im Studio anwesende Band spielt die Musik, ihr Sänger rockt vier der fünf Lieder. Das vierte Lied wird vom Gast der Talkshow interpretiert. Und in diesem Fall kann man sogar von einer gewissen Interpretation und einer angemessenen Diktion sprechen. Letztlich sind die Lieder von Mahler aber nur locker an den Text angebunden, berühren die Geschichte der getöteten Kinder und vielleicht auch eine kosmische Dimension des Stücks, in welchem neben Drogen auch die Raumfahrt anklingt.

Wie üblich bei einer Talkshow gibt es auch choreografierte Einlagen und Szenenwechsel. Das alles bringt den Abend aber nicht wirklich voran. Die Geschichte des Gast verliert sich in Musik (von Tilemachos Moussas komponiert resp. arrangiert), bisweilen belanglosem Smalltalk und in aufgesetzt wirkenden Gesten. Die mehr als zwei Stunden der Aufführung werden einem lang. Der Ausgangspunkt des Stücks hätte das Potenzial für eine deutlich interessante Talkshow. Mihalis Valasoglou als Moderator und Kleopatra Markou als Gast zeigen gleichwohl gute schauspielerische Leistungen. Die Crew – Blaine L. Reininger, Maria Vourou, Eleni Kastanioti und Stavros Kottas – bleibt dagegen eher blass. An den Bandmusikern Dimitris Koulentianos, George Konstantelakis und Stratos Papaioannou ist nichts auszusetzen. 

Das Fazit lautet ähnlich wie häufig vor dem häuslichen Bildschirm: Die Talkshow hält nicht, was sie verspricht. Das Publikum spendet am Schluss gleichwohl starken Beifall mit vereinzelten Bravorufen. Einem halluzinatorischen LSD-Rausch ähnlich, wie ein Ankündigungstext einem nahelegte, war das Ganze jedenfalls nicht.

Ingo Starz (Athen)

 

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