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ATHEN/ Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260 : THE SHADOWS von Afsaneh Mahian: The Shadows. Aussprechen als Widerstand 

08.07.2026 | Theater

Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260

Afsaneh Mahian: The Shadows 

Besuchte Vorstellung am 7. Juli2026                                                                                                                                                                                                     

Aussprechen als Widerstand 

athen
Copyright. Epidaurus Festival 

Am Ende der ersten von zwei Vorstellungen am Athens Epidaurus Festival gibt es nicht den üblichen Q&A, sondern eine kurze Rede. Die Sprecherin der iranischen Theatertruppe tritt ans Mikrofon und erläutert den aussergewöhnlichen Kontext der Produktion und des Gastspiels. Sie legt dar, wie extrem schwierig es war, diese Aufführung, die im Iran nicht gezeigt werden darf, zustandezubringen und welchen Einsatz es von Seiten des Festivals bedurfte, um die Truppe nach Athen zu bringen. Ihre emotionale Ansprache verstärkt die Betroffenheit, welche sich beim Anschauen des Stücks „The Shadows“ einstellen konnte. Und dies just zum Zeitpunkt, als die kriegerischen Handlungen zwischen der USA und dem Iran wiederaufgenommen werden.

Afsaneh Mahians Stück verarbeitet die Erfahrungen von iranischen Frauen. Es spricht deren Unterdrückung an, es erzählt von Flucht und der Bereitschaft zum Sterben, es handelt von Menschen, die das Regime verschwinden lässt, von einer jungen Frau, die den Leichnam ihres Bruders sucht, um diesen würdig bestatten zu können. „The Shadows“ ist ein chorisches Sprechen dreier junger Frauen, welches den unvorstellbar harten Alltag von Frauen in der Islamischen Republik verhandelt, ausspricht, öffentlich macht. Die politische Dimension des Chors im antiken Theater wird auf neue und beklemmende Weise erfahrbar. Dabei sind die Aktionen der drei Frauen auf der Bühne begrenzt. Drei Panels im Hintergrund, Markierungen am Boden und die traditionell anmutende Bekleidung verweisen auf den kulturellen Kontext. Die Szene, die Manouchehr Shoja gestaltet hat, verortet das chorische Sprechen und begrenzt den Handlungs- resp. Spielraum der Schauspielerinnen. Es ist das gemeinsame Aussprechen, das zum einem Ausbruch wird, einem Akt des Widerstands. 

Die Regisseurin nimmt nicht nur durch die Verwendung des Chors Bezug zur griechischen Tragödie, sie spielt auch direkt auf drei Werke von Sophokles und Euripides an: Ödipus, Antigone und Medea. Dies geschieht, nachdem Aspekte des iranischen Alltags und der Flucht zur Sprache kamen. Dann erzählen die Schauspielerinnen die Handlung der drei Dramen und weisen diese als Schatten aus, als Urbilder, die sich gegenwärtig auf schreckliche Weise für die Menschen im Iran wiederholen. Die Berichte lassen dabei beklemmenden Raum für die Imagination der Zuhörer. Von Anfang an macht der Stücktext klar, dass es um eine Theateraufführung geht, um die Möglichkeit nämlich, als Frau und Schauspielerin auf der Bühne Dinge auszusprechen, ein Sprachrohr für alle Iranerinnen und Iraner zu sein. Nastaran Davari, Shakiba Hosseini und Shaghayegh Mohajer bilden den Chor und überschreiten auf beeindruckende Weise die Grenze zwischen gelebter Realität und Theaterpraxis.

Afsaneh Mahians „The Shadows“ ist eine starke, eine aufklärerische, eine poetische Arbeit. Sie öffnet einen weiten Gedankenraum. Die jungen Frauen auf der Bühne treten als Schauspielerinnen und Bürgerinnen in Erscheinung. Das ist zutiefst politisches Theater. Und es zeigt, dass wir, das Publikum in Europa, uns mehr mit dem Iran auseinandersetzen sollten. Das Publikum folgt dem Geschehen mit grosser Aufmerksamkeit und spendet am Schluss langanhaltenden Beifall.

Ingo Starz (Athen)

 

 

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