Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260
Philip Glass: Einstein on the Beach / Konzertperformance
Besuchte Aufführung am 30. Mai
Wenn Hören sehend macht

Foto: Jorge Carmonia
Nach Heiner Goebbels „Schliemann III“ zur Eröffnung des Athens Epidaurus Festival kam am zweiten Abend eine Konzertversion von Philip Glass‘ Oper „Einstein on the Beach“ zur Aufführung. Und wiederum darf man von einem Hörereignis sprechen. Philip Glass und Robert Wilson brachten die gemeinsam entwickelte Oper 1976 am Festival von Avignon zur Uraufführung. Es war ein Ereignis, das Operngeschichte schrieb. Das radikale Werk verzichtet auf eine Handlung und arbeitet stattdessen mit harmonisch geformten Motivblöcken und lyrischen Texten. Es geht dabei nur assoziativ um Einstein. Der berühmte Physiker tritt an keiner Stelle jemals auf. Thematisch tauchen Aspekte wie Zug, Gerichtsprozess/Gefängnis und Raumschiff auf, aber auch die Emanzipation der Frau und die Hingabe des Liebenden. „Einstein on the Beach“ bleibt auch ohne szenische Aufführung ein Gesamtkunstwerk.
Und freilich hat auch eine Konzertversion ihre szenischen Aspekte, für welche sich Germaine Kruip verantwortlich zeichnet. Die Sprecherin, die Sängerinnen und Sänger vom Collegium Vocale Gent sowie die Musikerinnen und Musiker vom Ichtus Ensemble sind in wechselnden Anordnungen auf der Bühne verteilt, manchmal pausieren sie auch und sitzen am Rand. Es ist also ein durchaus bewegter Kosmos von Akteuren, der dem Publikum entgegentritt. Die musikalischen Gesten der Musik finden ihren Widerhall in der Platzierung und „Choreografie“ der Körper. Dabei wirkt alles unaufdringlich und unaufgeregt. Das Lichtdesign von Freek Pieters schafft unterschiedliche Raumstimmungen. Die derart mit kleinen Aktionen bespielte Bühneninstallation hält den Betrachter zum aufmerksamen Hören an – wobei ein kurzzeitiges Verlassen des Zuschauerraums jederzeit erlaubt ist.
Die musikalische Darbietung bietet ein intensives Hörerlebnis. Philip Glass‘ Minimal Music mit ihren streng komponierten Klangmustern erzeugt ein reiches Repertoire an Stimmungen und Klanggesten. Man sieht vor seinem inneren Auge eine wahre Bilderflut vorüberziehen. Die Musik hat alles, was Musiktheater ausmacht: Poetische Momente, explosive Kraft, sakrale Eindringlichkeit dramatische Zuspitzung (durch gegeneinander gesetzte, schnell wechselnde Klangmuster). Das Sprechen tritt immer wieder zur Musik hinzu, ordnet sich ein, eröffnet ein weiteres Klangfeld. Bei alledem entfaltet Glass‘ Komposition eine ungeheure Sogwirkung. Die Beschränkung auf Akkordfolgen und das Singen von Zahlen und Silben stimuliert die Vorstellungskraft des Publikum. Der Zuhörer ist Teil des Gesamtkunstwerks.
Die musikalische Darbietung ist exzellent. Man kann allen Beteiligten für die Präzision ihres Musizierens, Singens und Sprechens nur höchstes Lob aussprechen. „Einstein on the Beach“ gleicht einem musikalischen Marathon. Der Dirigent Tom De Cock und sein Assistent Dirk Descheemaeker halten das komplexe Geschehen souverän zusammen und verhelfen den Klangwellen von Glass‘ Musik zu grossartiger Wirkung. Suzanne Vega spricht alle Texte mit einer Stimme, die als Instrument zu anderen tritt. Nicht genug loben kann man die Musiker und Vokalisten für ihre rhythmisch präzise und farbenreiche Darbietung des Werks. Vom Ictus Ensemble sind Igor Semenoff (grossartige Geigensoli), Chryssi Dimitriou, Dirk Descheemaeker, Asagi Ito, Nele Tiebout, Jean-Luc Plouvier und Brecht Valckenaers auf dem Podium. Die beiden letztgenannten sorgen am Keyboard für einen unglaublichen Drive. Das Collegium Vocale Gent tritt mit Elisabeth Rapp, Joowon Chung, Malena Napal, Charlotte Schoeters, Marlen Herzog, Laura Kriese, Julia Spies, Peter Di-Toro, Thomas Köll, Philipp Kaven und Bart Vandewege an. Philip Glass‘ „Einstein on the Beach“ betört an diesem Abend nicht nur den Hörsinn des Publikums. Und dieses dankt den Beteiligten am Schluss mit anhaltenden Ovationen. Ein überwältigendes Opernerlebnis.
Ingo Starz (Athen)

