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ATHEN/ Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260 Michael Keegan-Dolan: MÁM. In Erinnerung verloren

11.06.2026 | Ballett/Performance

Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260
Michael Keegan-Dolan: MÁM
Besuchte Vorstellung am 10. Juni 2026
In Erinnerung verloren

kavana
Foto: Ros Kavanagh

Das Tanzstück „MÁM“ von Michael Keegan-Dolan, so kann man lesen, fördert Bilder aus dem Unterbewusstseins Irlands zutage. Für einen Aussenstehenden ist dieser nicht unwichtige Punkt nicht ohne weiteres zu beurteilen. Nach Irland klingt mindestens und ganz sicher ein Teil der Musik. Es ist denn auch die Musik, der Klang des Akkordeons, der den Beginn des Werks bestimmt. Das Instrument legt gleichsam eine Spur und bringt dabei eine melancholisch-sehnsuchtsvolle Note ins Spiel. Und das passt ja auch gar nicht schlecht zu einer Erkundung des Unterbewussten.

Die Szenerie ist einfach gehalten. Stühle und Tisch lassen an einen Saal denken, der vielleicht einer Gemeinschaft oder einem Lokal zugehört. Zu Beginn sehen wir ein weiss gekleidetes Mädchen auf einem Tisch, es bleibt das ganze Aufführung über präsent und setzt am Schluss Windmaschinen im Bühnenhintergrund in Gang. Es mag als Moment der Erinnerung als dessen Personifizierung gelten, denn darum scheint es ja in Michael Keegan-Dolans Werk zu gehen. In den knapp eineinhalb Stunden ziehen vor dem Auge des Betrachters tänzerische Szenen vorüber, Ensembleauftritte wechseln mit Duos und Soli. Das Bewegungsrepertoire orientiert sich am modernen und am eun wenig am klassischen Tanz. Erstaunlicherweise kommt es in der Choreografie zu keiner ausgesprochen individuellen Formung von Charakteren. Die Musik erweitert sich im Lauf der Aufführung führt vom Akkordeon zu einer Band und wieder zurück. Es überrascht, dass dabei mit einem Violinsolo auch Barockmusik zum Einsatz kommt. „MÁM“ ist also offensichtlich keine volkstümelnde Feier irischer Identität. Doch was will uns die Komplexität des Geschehens, das musikalische Mix, die Tanzfolgen und das anwesende Mädchen als hervorgehobene Figur erzählen?

Das Problem der Aufführung ist, dass man weder eine stringente Dramaturgie ausmachen noch eines soghafte Wirkung des Tanzgeschehens erfahren kann. Die Szenen wechseln, Tänzer setzen sich nieder und erheben sich, Gruppen oder Paare schälen sich aus dem Ensemble heraus. Ein innerer Zusammenhang der Bilder erschliesst sich nicht. Gut, man kann darin Fragmente einer Erinnerung sehen, welche sich, wie man weiss, nicht immer in logischen Zusammenhängen zurückmeldet. Da die Intensität der einzelnen Szenen sehr unterschiedlich ausfällt, lässt die Aufmerksamkeit des Betrachters immer wieder nach. Sicher, es hat Momente, wo tänzerischer Drive die Bühne erfüllt oder humorvolle Gesten aufscheinen. Letzteres geschieht etwa dann, wenn die Tänzerinnen und Tänzer auf der Suche nach liebevoller Nähe ausschwärmen und dabei nicht jedem Begehren stattgegeben wird. Hier erreicht das Stück poetische Kraft und lockere Verspieltheit. Die längste Zeit des Abends rätselt man aber, was der Zusammenhang des Ganzen sein soll. Wo liegt das spezifisch Irische verborgen? Es sollte doch mehr in „MÁM“ zu finden sein als nur einige irische Volksweisen und Schrittfolgen. Was mag die Botschaft des Werks sein?

Das Tanzstück von Michael Keegan-Dolan bleibt dramaturgisch zu vage, man könnte auch sagen, es fehlt ihm an Kohärenz, um den Betrachter zu einer Reise ins Unterbewusstseins Irlands mitzunehmen. Die Musik, für welche sich Cormac Begley verantwortlich zeichnet, kommt bisweilen zu besserer Wirkung als der Tanz. Und das liegt natürlich ganz und gar nicht am Ensemble, den zwölf Tänzerinnen und Tänzern, deren Potenzial und Qualität durchaus sichtbar wird. Allen auf der Bühne gebührt Anerkennung für ihre Leistung: Imogen Alvares, Bea Bidault, Kim Ceysens, Caimin Gilmore, Nina Harries, Aki Iwamoto, Mayah Kadish, Dylan Lynch, Daniel Myers, Delilah Neilson, Amit Noy, Keir Patrick, Ino Riga, David Six, Jimmy Southward, Timon Koomen, Holly Vallis, Kayva Van Gangelen und Verena Zeiner.

Teile des Publikums haben offensichtlich eine andere Meinung als der Verfasser. Es gibt am Schluss anhaltenden Beifall und einzelne Bravorufe für das Ensemble und den Choreografen.

Ingo Starz (Athen)

 

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