Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260
Michael Beil/Nadar Ensemble: Hide to show
Besuchte Vorstellung am 21. Juni 2026
Einsam in der Box

Copyright: Athens Epidaurus Festival
Im Rahmen des neuen Programmschwerpunkts zur zeitgenössischen Musik lädt das Athens Epidaurus Festival das Nadar Ensemble mit Michael Beils Komposition „Hide to show“ ein. Es ist ein 70-minütiges Werk über Einsamkeit und darüber, wie Menschen im digitalen Zeitalter zusammenkommen können. Beil ist seit 2007 Professor für elektronische Komposition an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und Leiter des dortigen Studios für Elektronische Musik. Auf der Webseite des Künstlers kann man lesen, dass „die Kompositionen von Michael Beil auf die Verbindung von instrumentaler Musik, Tape und Video fokussiert [sind]. Sie basieren auf Strategien, die die für ein Konzert typische Bühnensituation reflektieren, und die Entstehung und formale Konzeption einer Komposition live im Konzert nachvollziehbar machen. Dazu werden die aufführenden Musiker möglichst stark in den Kompositionsprozess mit einbezogen.“
„Hide to show“, ein Werk für acht Performer mit Live-Video und Tonband, zeigt Michael Beils intermedialen Ansatz ganz deutlich. Die Musikerinnen und Musiker des Nadar Ensemble bringen nicht nur Musik dar, sondern setzen eine Performance auf die Bühne. Sie tun dies in Boxen oder im äusseren Raum, das Publikum sieht die Akteure real und digital erscheinend. Und manchmal verliert sich der Betrachterblick im ästhetisch geschaffenen Raum, der gekonnt Grenzen überschreitet oder umspielt und durch eine Staunen machende Taktung von Klang und Visuellem geprägt ist. Es handelt sich im besten Sinne um eine spielfreudige Versuchsanordnung.
Die mit dem Nadar Ensemble entwickelte Komposition kreist um das Thema Einsamkeit, die Möglichkeit, sich mit anderen zu synchronisieren ohne sie zu sehen, sie handelt vom Beobachtetwerden, vom Unsichtbarmachen und Ersetzen seiner selbst. Beil führt das Publikum gleichsam hinter die Bühne, zeigt probende Musiker in kleinen boxartigen Räumen, zunächst allein, dann auch zu zweit oder zu dritt. Die Akteure spielen ein paar Noten, wechseln ihre Kleidung oder tanzen nach der Musik, die sie mit Headsets hören. Allerdings schaut der Betrachter nicht in die Boxen hinein, er sieht vielmehr auf deren ständig herauf- und heruntergehenden Vorhängen Videos, welche die Performer live von sich aufnehmen. Das ist ein Verstecken und sich Zeigen im selben Augenblick, eine Hyperrealität, die uns Allen von den Social Media her vertraut ist.
Was uns Michael Beil vor Augen und Ohren führt, beeindruckt durch die Präzision seiner Ausführung und durch die multimediale Assemblage. Man findet sich auch leicht wieder in „Hide to show“, in einer von digitaler Technik bestimmten Lebenswelt. Das musikalische Material, das Sprechen miteinschliesst, ist allerdings in seiner Fragmentierung und Zitathaftigkeit nicht unbedingt dazu angetan, ein starkes Erleben auszulösen. Man schaut dem Geschehen eher mit kühlem Blick und Verstand zu. Und das ist vielleicht für einmal gar nicht so schlecht. Das Publikum im schütter besetzten Saal spendet am Schluss freundlichen Beifall.
Ingo Starz (Athen )

