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ATHEN/ Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260 Kurō Tanino: SLEPPING FIRES. Massage und Erkennen

29.06.2026 | Theater

Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260

Kurō Tanino: Sleeping Fires 
Besuchte Vorstellung am 27. Juni 2026

Massage und Erkennen

epidai

Man betritt die Halle an der Peiraios 260 und wird sogleich des Bühnenaufbaus auf dem Bühnenpodest Gewahr. Ein altertümlich anmutender Holzrahmen und ein simpler Vorhang künden eine Zeitreise an. Wenn sich der Vorhang öffnet, blickt man in ein japanisches Haus des 19. Jahrhunderts, welches von Michiko Inada gestaltet wurde. Dessen Interior mutet wie ein Original, sieht man doch auf den Schiebewänden Reparaturen, also Gebrauchsspuren. Das Haus befindet sich, wie man später erfährt, in den Bergen von Edo, unweit des heutigen Tokyo. Kurō Tanino, der Regisseur und Autor des Stücks, erzählt von einer vergangenen Zeit und die Handlung kommt als eine Art Sage daher. Das Geschehen wird von einer Overvoice begleitet, die wichtige Momente der Handlung erzählt. Diese Stimme aus dem Off repräsentiert das Land, die Region, in welcher die Geschichte spielt. Die Kostüme von Mariko Tomoyoshi, die Musik von Yu Okuda und das Sounddesign von Koji Sato unterstützen die vermeintliche Authentizität der Szene.

Das Stück „Sleeping Fires“ handelt von einer blinden Masseuse, deren Händen sich viele gerne anvertrauen. Sie lebt mit ihrem Gatten an einem abgeschiedenen Ort. Dorthin findet eine jüngere, blinde Frau, die von der älteren die Technik der Massage lernen möchte. In der Abgeschiedenheit erlernt sie recht schnell dieses Handwerk und findet auch gleich noch einen Mann. Entscheidender ist aber, dass sie in den Bergen auf den Gatten der Masseuse trifft. Ihn hat sie gesucht, weil er sie in jungen Jahren blendete. Nach Jahren als Prostituierte wechselt sie nicht nur den Beruf, sie folgt vielmehr dem Wunsch nach Rache. Sie löscht das im Täter schlummernde Feuer, von dem der Stücktitel spricht, in dem sie ihn tötet. Die Tat stösst bei der blinden Masseuse, die kein inniges Verhältnis zu ihrem Mann hatte, auf Verständnis. Das ist in der Tat eine Geschichte, die eine Sage sein könnte – eine, welche viel von der sozialen Realität Japans im 19. Jahrhundert einfängt. 

Das Ensemble auf der Bühne – Susumu Ogata, Ineko Kawai, Takao Shibata, Rio Sekiba und Natsue Hyakumoto – macht Theater im Stil des 19. Jahrhunderts, mindestens nimmt dies der westliche Betrachter an. Die Gesten sind deutlich bis überdeutlich, der Ton des Geschehens ist rustikal. Man hat den Eindruck einem Reenactment beizuwohnen. Und vielleicht ist es auch etwas Ähnliches, ein Verfahren, das Aufmerksamkeit schaffen will für eine untergegangene Welt. Möglicherweise will Tanino unseren Blick auf ein nahezu verschwundenes Naturverständnis lenken, auf eine Welt mit anderen Regeln und Moralvorstellungen. Versucht er gar, uns wieder dem verlorenen, naturverbundenen Leben näher zu bringen? 

Das zahlreich erschienene Publikum war, wie man hören konnte, etwas unschlüssig in der Deutung des Geschehens. Man sah zuallererst das Fremde, die andere Kultur in Stück und Szene. Man war beeindruckt von der Aufführung, von der Liebe zum Details. Es gab darum am Schluss kräftigen, langen Beifall und einzelne Bravorufe für einen Abend, der mit bemerkenswerter Konsequenz Vergangenheit vergegenwärtigt.

Ingo Starz (Athen)

 

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