Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260
Heiner Goebbels: Schliemann III Besuchte Vorstellung am 31. Mai 2026
Das Ohr gräbt mit

Foto: Karol Jarek
Michail Marmarinos hat als Grieche eine besondere Beziehung zu archäologischen Grabungsplätzen. Als er vor wenigen Jahren für die Europäische Kulturhauptstadt Elefsina/Eleusis verantwortlich, bemühte er sich um eine künstlerische Aktivierung des dort ausgegrabenen Heiligtums. So lud er etwa Romeo Castellucci ein, der Ruinenlandschaft mit einer eigens konzipierten Performance neue Bedeutungsschichten zu entlocken. Das Ergebnis war ein einzigartiger Performance-Parcours. Damals lag das Hauptaugenmerk auf den Bildern, dem Sehen. Nun lädt Marmarinos als künstlerischer Leiter des Athens Epidaurus Festival den Komponisten, Hörspiel- und Theatermacher Heiner Goebbels nach Athen ein. Zu erleben ist die Musikperformance „Schliemann III“, welche das diesjährige Festival eröffnet. Und nun geht es aller eindrücklichen Bilder zum Trotz vor allem ums Hören.
Heiner Goebbels beschäftigt sich schon lange mit dem Archäologen Heinrich Schliemann, der Griechenland sehr verbunden war und unter anderem Mykene ausgegraben hat. Das Original der jetzt zu sehenden Version kam unter dem Titel „Newtons Casino“ 1990 auf die Bühne des Frankfurter Theaters am Turm. Darauf folgte zwei Jahre später das vom Hessischen Rundfunk produzierte Hörspiel „Schliemanns Radio“ und 1997 unter dem Titel „Schliemann’s Scaffolding“ eine erste griechische Bühnenversion, die auch in Athen gezeigt wurde. Nun sind Goebbels, Komponist und Regisseur, und sein Ausstatter Michael Simon also bei „Schliemann III“ angelangt. Ihr Schliemann-Projekt kommt erstmals in einem grossen Raum, der grössten Halle an der Athener Peiraios 260, zur Aufführung. Was macht der industrielle, weitläufige Raum mit dem Werk, wie blicken wir als Betrachter darauf?
Die Zuschauertribüne wurde um sieben Reihen verkürzt. Das Publikum steigt seitlich zur achten Reihe, die nun die erste ist, hinauf. Die Zuschauer blicken hinunter und in eine gross angelegte Bühnenlandschaft hinein. Oder genauer muss man sagen, zu Beginn schauen sie auf zwei schwarze Wände, eine in Vorder-, die andere in Rückansicht. An letzterer macht sich der Darsteller des Schliemann kurzzeitig zu schaffen, auf der anderen bewegt sich eine vertikale Linie. Darüber gerät ein abgehängter Lautsprecher in Rotation. Er bewegt sich gleich einem Derwisch immer wilder, aus seinem Gehäuse dringt traditionelle griechische Musik. Die Wände bewegen sich ein wenig zu den Seiten hin, man gewinnt einen ersten Blick von der Raumlandschaft. So beginnt die Aufführung von „Schliemann III“ und man geht wohl nicht fehl mit der Annahme, dass es hier zunächst um Schliemanns Radio geht. Das Auditive setzt die Spur, die durch Heiner Goebbels‘ Ausgrabungstätigkeit führt. Es ist nach Meinung des Verfassers das Hörerlebnis, das dem Abend Tiefenschärfe verleiht.
Goebbels montiert in seiner Komposition kurze Stellen aus Schliemanns trojanischen Grabungstagebüchern, traditionelle Musik und Auszüge aus Berlioz‘ „Trojanern“ sowie Newton-Zitate, die Relationen von Raum und Zeit betreffen, zu einem Klanggebilde, das im Hörprozess dem Vorgang des Ausgrabens gleicht. Unterschiedliche Zeitebenen, Bedeutendes und weniger Wichtiges tun sich da auf. Sprache wird zur Musik, Operngesang und Lieder zu gestischen Fragmenten. Goebbels „Schliemann III“ funktioniert als Hörstück sehr gut. Die Übersetzung in den Raum, in Bilder, welche Grabungsskizzen und die Industriearchitektur vor Ort reflektieren, bereitet dagegen gewisse Probleme. Irgendwie will das Hören mit dem Schauen nicht recht zusammengehen. Vielleicht ist auch das Setting etwas überdimensioniert. Der erwähnte Einstieg, wo kaum etwas zu sehen ist, fällt stark aus. Die nachfolgenden Szenen mit ihrer beeindruckenden Erschliessung des Raumes und intensiver, teils Perspektive markierender Lichtführung gewinnen nicht die Tiefenschärfe der Komposition.
Die Aufführung des musikalischen Werks von Goebbels geschieht auf beachtlichem Niveau. Akilas Karazisis ist der durch die Bühneninstallation wandernde Schliemann, Andromachi Fountoulidou steht ihm darstellerisch zur Seite. Lydia Koniordou und der Countertenor Angelos Kydonieus sorgen für den Gesang, der von Anestis Barbatsis (Bouzouki) und Filippos Fasoulas (Klarinette) begleitet wird. Berlioz‘ Musik kommt vom Band.
Der Abend mag nicht das erhoffte Gesamtkunstwerk sein, ein Abenteuer des Hörens ist er aber schon. Das Publikum spendet am Schluss der 70-minütigen Aufführung freundlichen Applaus.
Ingo Starz (Athen)

