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ATHEN/ Athens & Epidaurus Festival Jan Martens: THE DOG DAYS ARE OVER – a jumped, minimal and political work for eight performers

24.06.2016 | Ballett/Tanz

Athens & Epidaurus Festival: Jan Martens – The Dog Days Are Over – a jumped, minimal and political work for eight performers

Besuchte Vorstellung am 23. Juni 2016

 Sprung ins wahre Ich

 Das Athens & Epidaurus Festival erlebte dieses Frühjahr eine handfeste Auseinandersetzung um den Leitungsposten. Nachdem der zunächst ernannte Leiter Jan Fabre ein Programm mit viel belgischem Spirit für seine erste Festivalsaison angekündigt hatte, erzwangen harsche Proteste griechischer Künstler seinen Rücktritt – nur vier Tage nach der Pressekonferenz. Nun steht Vangelis Theodoropoulos für drei Jahre dem Festival vor und es ist bemerkenswert, was er an Programmvielfalt in wenigen Wochen auf die Beine stellen konnte. Und in der verkürzten Festivalausgabe hat sogar eine Brise Belgien Platz. Mit Jan Martens‚ choreografischer Arbeit ‚ „The Dogs Days Are Over“ kommt ein Beitrag der jungen belgischen Tanzszene zum Zug.

Jan Martens wurde 1984 in Belgien geboren und studierte in Tilburg und Antwerpen. Er arbeitete zunächst als Tänzer mit diversen Künstlern, bevor er 2009 seine Karriere als Choreograf startete. In den Niederlanden und Belgien wurde er rasch bekannt. Gastspiele in anderen europäischen Ländern und nach Übersee folgten. Seine Werke, so kann man lesen, erkunden die Möglichkeit, eine Balance und Symbiose zwischen Geschichten erzählen und Konzeptualismus zu finden. Dabei benutzt er vorhandene, tänzerische Idiome, die er in neue, energetische Zusammenhänge setzt. Martens Interesse gilt der Schönheit des unperfekten Menschen.

 In „The Dog Days Are Over“ (2014) geht der Choreograf von einem Satz des amerikanischen Fotografen Philippe Halsman aus dem Jahr 1958 aus: „When you ask a person to jump, his attention is mostly directed toward the act of jumping and the mask falls so that the real person appears.“ Jan Martens will uns den Menschen hinter dem Tänzer zeigen. Seine Arbeit ist komplex und mathematisch genau durchstrukturiert, führt von Gruppen- zu Einzelbewegungen und zurück, sie erschöpft die Tänzer und öffnet Ihnen dabei Spielräume für eigene Kreationen. Grundlage der Choreografie ist die Bewegung des Hüpfens, das zunächst in Formationen und später auch in individuellen Einsprengseln vorgeführt wird. Das Ensemble präsentiert sich dabei in unterschiedlichen Kostümen, die ebenso wie das nicht wirklich synchrone Tanzen die Individualität der Protagonisten unterstreichen. Das Licht verändert sich, kurzzeitig unterstützt Musik von Bach die mathematische Struktur des Ganzen: die Choreografie durchläuft verschiedene Phasen. Trotz der Strenge von Martens‘ Komposition ist es ein Abend von hoher Sinnlichkeit. Die ausserordentliche physische Präsenz der Körper gewinnt mit zunehmender Vereinzelung der Gebärden an erzählerischer Kraft. Die Masken fallen tatsächlich, und die Individuen hinter den Akteuren treten deutlich hervor.

 Es ist beeindruckend was die Tänzerinnen und Tänzer leisten. Cherish Menzo, Piet Defrancq, Julien Josse, Laura Vanborm, Naomi Gibson, Nelle Hens, Steven Michel und Kimmy Ligtvoet mussten lange trainieren, um die 70 Minuten konditionell und mental durchzuhalten. „Count“-Rufe Einzelner zeigen immer wieder an, wenn jemand aus der so strikt ausgeführten (und dabei im Kopf jederzeit durchgezählten) Gruppenbewegung fällt. Ein kurzes Anzählen bringt dann Individuum und Gruppe wieder zusammen. Was uns Jan Martens vorführt, ist so etwas wie eine soziale Skulptur in Bewegung. Er erzählt von der Gesellschaft und deren Dynamiken. Und auch darüber, wie wir uns beim Zuschauen unserer eigenen Rolle bewussst werden können. „The Dog Days Are Over“ ist ein aufregendes Experiment, ein Tanzstück mit packender körperlicher Präsenz. Das Publikum war überwiegend begeistert.

 Ingo Starz

 

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