Athens Epidaurus Festival & Griechische Nationaloper . Antikes Theater von Epidauros
Luigi Cherubini: MEDEA
Besuchte Vorstellung am 20. Juni 2026
Aus der Ferne vergangener Zeiten

Copyright: akriviadis.gr
Der Kult um Maria Callas kann in Griechenland noch immer sprichwörtlich Berge versetzen. Oder im konkreten Fall die Vergangenheit wiederauferstehen lassen. Im August 1961 feierte La Divina als Luigi Cherubinis Medea – in der italienischsprachigen Fassung der Oper – einen triumphalen Erfolg im antiken Theater von Epidauros. Diese Produktion der Griechischen Nationaloper hat sich in die moderne griechische Kulturgeschichte eingeschrieben. Nun hat die Athener Oper in Zusammenarbeit mit dem Athens Epidaurus Festival die Inszenierung von 1961 wiederbelebt. Für eine einzige Aufführung konnte das in Scharen nach Epidauros gepilgerte Publikum sehen, was sich szenisch vor 65 Jahren dort ereignete.
Legendär ist die 1961 gezeigte „Medea“ natürlich wegen der Mitwirkung von Maria Callas. Allerdings sind die weiteren an dieser Produktion beteiligten Künstler in Griechenland auch grosse Namen. Der Regisseur Alexis Minotis war zu seiner Zeit ein herausragender Schauspieler, ein geschätzter Interpret klassischer Rollen. Der Ausstatter Yannis Tsarouchis war ein namhafter bildender Künstler, dessen Werk heute in der Athener Nationalgalerie betrachtet werden kann. Die Choreografin Maria Hors war eine bekannte Tänzerin, die sich intensiv mit antikem Tanz beschäftigte. Minotis, Tsarouchis und Hors arbeiteten eng zusammen und schufen 1961 im antiken Theater ihre Vision der griechischen Vergangenheit, die Fortschreibung einer jahrtausendealten Theatertradition. Die Bühnenarchitektur fügte sich fast selbstverständlich in den vorhandenen Raum ein, Kostüme und Bewegungsmuster liessen antike Vorbilder erkennen. Das Ganze hatte etwas Pittoreskes, atmete aber gleichzeitig den kenntnisreichen Geist des Antikenbildes ihrer Entstehungszeit. Keine Frage, dieses Gesamtkunstwerk von 1961 ist ein bedeutendes Dokument. Was aber vermag diese Inszenierung uns heute zu sagen?

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65 Jahre danach war es unter der künstlerischen Leitung von Giorgos Koumendakis das Team um Panaghis Pagoulatos, der sich für die Rekonstruktion und Neueinstudierung verantwortlich zeichnete, welches das Bühnengeschehen zu neuem Leben erweckte. Die verfügbaren Quellen und Dokumente wurden gründlich ausgewertet. Auf dieser Grundlage schufen Lili Pezanou das Bühnenbild, Tota Pritsa die Kostüme, Gianna Filippopoulou und Kelly Zambela die Choreografie sowie Christos Tziogkas das Lichtdesign. Letzteres war im Jahr 1961 mit seinen feinen Schattenwirkungen recht innovativ. Das jetzige Publikum bekam einen gelungenen Eindruck von dem, was sich Anfang der 60er Jahre auf der Bühne, welche sich als hohes Podium mit vorgesetztem Orchestergraben präsentierte, ereignete. Minotis entfaltete die Handlung schlüssig, Tanz- und Bewegungsführung belebten die grossen Ensembleszenen, expressive Gesten beherrschten die Szene. Von einer Interpretation der „Medea“ in heutigem Verständnis des Begriffs kann jedoch nicht gesprochen werden. Minotis und 65 Jahre später Pagoulatos sorgten für ein recht prächtiges Arrangement der Oper, eine ansehnliche Illustration. Die tragische Handlung sprach zum Publikum aus der Ferne vergangener Zeiten und konnte zumindest den Verfasser nicht wirklich berühren.
Vor drei Jahren entfesselte Frank Castorf am selben Ort mit seiner Inszenierung von Euripides „Medea“ ein Feuerwerk an Ideen und Deutungsebenen. Der alte Stoff gewann eindringliche Zeitgenossenschaft. Die wiederbelebte Cherubini-Inszenierung von 1961 glich demgegenüber eher einem interessanten Museumsstück.
Eine wichtige Frage, die sich im Vorfeld der Aufführung stellte, war, wie sich die akustischen Verhältnisse präsentieren würden. Man darf im nachhinein sagen, das Hören war nicht entscheidend beeinträchtigt. Natürlich kam die Musik nicht wie in einem Opernhaus zum Erklingen. Der Orchesterklang etwa fiel manchmal etwas dünn aus, so dass er fast vom Chorgesang übertönt wurde. Auf das Ganze gesehen bot sich dem Publikum aber ein zufriedenstellendes Klangbild. Jacques Lacombe dirgierte das Orchester der Nationaloper souverän, koordinierte Graben und Bühne gut und setzte interessante musikalische Akzente. Das Werk war als das zu erleben, was es ist, eine Oper situiert zwischen Mozart und Beethoven. Agathangelos Georgakatos hatte den Chor klangstark agierenden Chor gut präpariert.
Aus dem Solistenensemble stachen Anna Pirozzi als Medea und Alisa Kolosova als Neris heraus. Ihre sicher geführten Stimmen zeigten dramatische Kraft und eindrückliche Spitzentöne. Kolosovas Stimme bot ausserdem Wärme und schöne gestalterische Details. Aber, so konnte man sich angesichts des Gesangs der beiden Damen fragen, braucht es wirklich verdigestählte Stimmen für Cherubinis Werk von 1797? Danae Kontora als Glauce hatte etwas Mühe, sich mit ihrem lyrischen Sopran im weiten Raum ausreichend Gehör zu verschaffen. Ihr Gesang war aber dennoch überzeugend. Jean-François Borras als Giasone bot nicht mehr als eine zufriedenstellende Leistung. Tassis Christoyannis übernahm sich etwas mit der Basspartie des Creonte. Sein Bariton blieb blass. Gute Leistungen erlebte man in den kleineren Rollen, von Yannis Stamatakis als Hauptmann sowie von Emily Tsimidaki und Irena Athanasiou als Mägde.
Es war ein bemerkenswerter Abend im Theater von Epidauros. Man erlebte Cherubinis „Medea“ auf hohem Niveau. Es war ein Spektakel, das einen nicht langweilte. Vom zeitgenössischen Musiktheater war die Aufführung jedoch weit entfernt. Das Publikum war erwartungsgemäss begeistert und feierte am Schluss alle Beteiligten und insbesondere Anna Pirozzi und Alisa Kolosova.
Ingo Starz (Athen)

