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Arthur Schnitzler: SPÄTER RUHM

05.06.2014 | buch

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Arthur Schnitzler: 
SPÄTER RUHM
158 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, 2014

Ob Arthur Schnitzler im Jenseits lächelt oder gar hellauf lacht, dass er mehr als 80 Jahre nach seinem Tod noch für einen kleinen literarischen „Skandal“ gut ist – auch wenn es sich nur um einen „Sturm im Wasserglas“ handelt? Immerhin trägt sein Name ausreichend, dass alle Medien darauf angesprungen sind: Übereifrige Herrschaften haben, unter Umgehung jener akademischen Schnitzler-Welt, die den Dichter per „Schnitzler-Gesellschaft“ und ernstem Prestige gepachtet hat, ein unveröffentlichtes Werk gefunden.

Ungeachtet dessen, dass alle Schnitzler-Kenner längst darum wussten, haben die Finder es als große, ja als „sensationelle Entdeckung“ herausposaunt und mit großem Trara veröffentlicht. Die Prügel, die sie im Nobelfeuilleton bezogen haben, konnten sich sehen und lesen lassen. Am Ende war der ganze Wirbel lustiger als das Werk selbst.

Und, sagen wir es ehrlich – beide Seiten haben sich ein bisschen lächerlich gemacht. Das Schnitzler-Establishment, weil es aus Empörung, übergangen worden zu sein, mit Kanonen auf Spatzen schoss (man lässt sich doch nicht die Brotkrumen vom Teller nehmen!). Und die „Entdecker“ Wilhelm Hemecker und David Österle, die mit ihrer „Sensation“ wenig Augenmaß bewiesen haben (aber man will doch endlich auch einmal Beachtung finden!). Dennoch, der ganze Wirbel hat schließlich funktioniert. Nun weiß es jeder – eine bisher unbekannte Schnitzler-Novelle ist da.

Aber reden wir doch von dieser, denn darum geht es schließlich. Man kann mit „Später Ruhm“ immerhin einen Schnitzler-Text lesen, den die Öffentlichkeit noch nicht kannte. Was übrigens des Dichters Absicht war – weder er noch später sein den Nachlass verwaltender Sohn meinten, dass diesen Stück Prosa unbedingt veröffentlicht werden müsste.

Dennoch – auch ein mittelmäßiger Schnitzler ist noch besser als viele andere mit ihren „guten“ Texten und lohnt der Lektüre. Wobei am „Späten Ruhm“ einiges bemerkenswert ist, wenn auch weniger an der Geschichte selbst als am biographischen Kontext.

Denn Schnitzler schrieb  diese Novelle ab Ende März 1894 und brauchte immerhin – natürlich mit entsprechenden Pausen – bis Mai 1895, dass er sie dann zu Ende korrigierte. Damals hatte er, das ist zu bedenken, mit „Sterben“ und der „Kleinen Komödie“ im Bitterernsten wie im ausgelassen Heiteren schon zwei Prosa-Meisterstücke geschrieben. Parallel entstanden Prosastücke wie „Blumen“, „Der Witwer“ und „Die Frau des Weisen“. Der „Späte Ruhm“ – das ist eine Titelvariante, für Schnitzler war es thematisch die Geschichte vom „greisen Dichter“ – steht also nicht allein, sondern innerhalb zahlreicher Themen. Es ist allerdings das einzige Stück Prosa, das sich mit seiner literarischen Existenz befasst. Und das quasi retrospektiv – und das ist das wirklich Interessante daran.

Denn als er das Werk beginnt, ist er noch nicht 32, hat seinen ersten Bühnenskandal („Das Märchen“) hinter sich, eine absolut ungewisse Zukunft als „Literat“ vor sich und bewegt sich als eines der wichtigsten Mitglieder im Kaffeehaus-Kreis des „Jungen Wiens“ im Griensteidl. Im „Späten Ruhm“ geht er zu dieser seiner Gegenwart total in Distanz. „Was wäre wenn“ ist bei Schnitzler, der in seinen Werken so autobiographisch ist wie wenige, stets eine nahe liegende Überlegung. Man kann sich gut vorstellen, dass er sein Scheitern für möglich hält. Dass er einmal ein alter Arzt sein wird, der milde lächelnd auf seine „wilden“ literarischen Jugendjahre zurückblickt…

Seinem Helden Eduard Saxberger gibt er den Beruf eines alternden Beamten (möglicherweise schwebte ihm Grillparzer vor, der immer wieder durch seine Vorstellungswelt geisterte). Ein Leben im wunschlosen Unglück zwischen Amt, Zuhause und der Wirtshausgesellschaft Gleichaltriger. Was wäre wenn…

Was wäre, wenn da ein junger Dichter einer Kaffeehausgesellschaft vor seiner Tür stände und ihn an etwas erinnerte, was er selbst schon vergessen hat, einen Gedichtband „Wanderungen“, den schon beim Erscheinen Jahrzehnte davor niemand wahrgenommen hat?

Es ist schön zu lesen, mit welcher Ironie Schnitzler nun die Geschichte anpackt – gleicherweise die Psychologie des „alten Dichters“, der sich plötzlich wieder an das kribbelnde Gefühl seiner Jugend erinnert, als man sich so schrecklich wichtig nahm, als jede Lesung der Werke, zu der ohnedies niemand kommt und die keinen interessiert, ein wichtiges Ereignis war; und natürlich die jungen Mitglieder des Kaffeehauskreises, die er so liebenswert-spöttisch betrachtet und in ihrer egoistischen Oberflächlichkeit so gnadenlos bloßstellt wie das Wiener Kulturfeuilleton (das zu Schnitzlers Zeiten wirklich mörderisch war – kein Vergleich zu unseren konzilianten Zeiten).

Die Herausgeber haben im Nachwort versucht, einzelne Gestalten dieser „Schlüsselgeschichte“ (das ist nicht abwertend, auch „Der Weg ins Freie“ ist ein Schlüsselroman, Stücke wie „Das Wort“ oder „Zug der Schatten“ bis in jede Figur zu identifizieren) kenntlich zu machen. Man ist nicht immer unbedingt mit ihnen einer Meinung, so hat die pathetische Dame, die sich hier im Kaffeehauskreis einfindet, eigentlich wenig mit der Sandrock gemeinsam. Aber das muss den Leser eigentlich nicht bekümmern, weil ihm ja auch die meisten anderen Originale (außer vielleicht Hofmannsthal, obwohl der „junge Winder“ nicht wirklich an ihn erinnert) kaum mehr vertraut sind. Man kann den „Späten Ruhm“ auch gänzlich ohne Bezüge zur damaligen Realität lesen.

Warum hat Schnitzler diese Novelle, die nicht besser und auch nicht schlechter ist als anderes, was er damals schrieb (wobei man „Sterben“ als singulären Meisterwurf immer ausklammern muss), nicht veröffentlicht? Nur weil das Werk Hermann Bahr nicht gefiel? Weil dieser für eine mögliche Veröffentlichung in seiner Zeitschrift „Die Zeit“ Kürzungen verlangte, die Schnitzler einfach zu viel Arbeit waren oder er anderes im Kopf hatte? Vielleicht erschien ihm auch die Lösung der Geschichte zu trivial  – dass das ganze Geschehen, die Rückkehr des alten Dichters in Literaten-Kreise, in Literaten-Gefühle, einfach hektisch vorbeihuscht und er sich am Ende natürlich dort findet, wo er war, am Wirtshaustisch mit den gänzlich unmusischen Altersgenosse. Die Nachwelt hat doch ihr Vergnügen daran.

Fazit: Ein neuer Schnitzler also. Ist er lesenwert? Unbedingt.

Renate Wagner

 

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