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ARNOLD SCHOENBERG: DAS BUCH DER HÄNGENDEN GÄRTEN – métier CD

29.04.2017 | cd

ARNOLD SCHOENBERG: DAS BUCH DER HÄNGENDEN GÄRTEN – métier CD

Als wär‘s ein Gemälde von Goya; faszinierende Lied-CD mit Aylish Kerrigan

Wir bevölkerten die abend-düstern Lauben, lichten Tempel, Pfad und Beet. Freudig – sie mit Lächeln ich mit Flüstern – Nun ist wahr dass die für immer geht.“ Stefan George

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Schönberg hat den Zyklus „Das Buch der hängenden Gärten“, sein Opus 15, in einer schwierigen Periode seines Lebens 1908/1909 geschrieben. Sein Mentor Gustav Mahler war 1907 gestorben, seine Frau Mathilde hatte ihn und seine zwei Kinder zugunsten des expressionistischen Malers Gerstl im Sommer 1908 verlassen, um im Oktober auf betreiben von Weberns wieder zu Schoenberg zurückzukehren. Gerstl beging daraufhin Selbstmord und zerstörte den Großteil seiner Bilder. In diesem Umfeld auch der zunehmenden politischen Spannungen kamen die exotischen Gedichte Stefan Georges offenbar für Schoenberg goldrichtig, um seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Die Liebesgeschichte in einem exotischen Garten geben den idealen Rahmen, um von unterdrückten Leidenschaften, vagen Imaginationen und hoffnungsloser Resignation irrlichternd zu singen.

Die in San Franzisco geborene irischstämmige Mezzosopranistin Aylish Kerrigan ist die ideale Interpretin für diesen Zyklus. Bekannt geworden durch ihre unnachahmlichen Wiedergaben irischer Musik, nutzt Kerrigan alle Register ihrer technisch zwar unzulänglichen, von der Ausdrucksstärke und Ehrlichkeit des Gesangs aber unüberbietbar intensiven Stimme, um den Emotionen des Komponisten genau so archaisch und schonungslos wie die Arbeiten Schoenbergs es sind, vokale Gestalt zu geben. Wenn der Vergleich mit der Malerei statthaft ist, dann ähnelt Kerrigans Mezzo so manchem Gemälde Goyas. Unscharf in den Konturen, aber von einer Wahrhaftigkeit, die nichts verschminkt oder glättet, sondern den Dingen auf den Grund geht. Ein vokaler Sezierkurs gefährlicher Gefühle. Kerrigan vergleicht Schoenbergs Buch der hängenden Gärten von der Schönheit, Komplexität und Bedeutung her mit Schuberts Winterreise oder Schumanns Liederkreis. Ich mag dem nicht widersprechen.

Aylish Kerrigan hat dieses enorm beeindruckende Album im August 2014 in Dublin eingespielt. Ihre Stimme ist in diesem eigenartigen Sprechgesang am angenehmsten zu hören, wenn es um elegischere Stimmungen geht. Sie kann aber auch klingen wie ein alt gewordenes Kind oder grelle und schrille Töne von sich geben, die so extrem sind, dass sie sicher manchen Zuhörer verstören werden. Den Mut und die Offenheit, den ein Liebhaber klassischer Musik braucht, um sich überhaupt mit Haut und Haar auf Schoenberg einzulassen, braucht er auch, um sich auch der Kunst von Aylish Kerrigan anzuvertrauen. Begleitet wird sie – wie so oft – von der irischen Pianistin Dearbhla Collins, die den anspruchsvollen und sperrigen Klavierpart sanglich leuchten lässt.

Hoch interessant ist auch die Koppelung des Schoenberg-Zyklus mit den 1978 uraufgeführten Liedern „A Girl“ des irischen Komponisten Seórse Bodley. In den düsteren Gedichten von Brendan Kennely werden die Gefühle eines Mädchens in Worte gefasst, das unehelich schwanger, sich – am Ende einer unerbittlich logischen Spirale – ertränkt. Die dichten Monologe, die einer dramatische Kantate für Solostimme und Klavier gleichen, finden wiederum in dem Duo Kerrigan/Collins hervorragende Interpretinnen. Ein Album, das niemanden kalt lassen wird. Vom Repertoirewert und der Seriosität kann diese CD ohnedies gar nicht hoch genug gelobt werden. Aufnahmequalität und das umfangreiche Booklet, das auch alle Texte enthält, runden das positive Bild einer mustergültigen Edition ab.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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