ARENA DI VERONA: AIDA WA von 1913/1982 am 5. September 2024
Einnehmende inszenatorische Klassik

Foto: enneviFoto
Am 10. August 1913 war das Geburtsdatum der Opernfestspiele in der Arena di Verona, die Erfüllung eines Traumes des Tenors Giovanni Zenatello, den er mit dem Unternehmer Ottone Rovato und dem legendären Dirigenten Tullio Serafin, dem Chorleiter Ferruccio Cusinati und dem Architekten Ettore Fagiuoli umsetzte. Fagiuoli entwarf das erste Bühnenbild der „Aida“ in der Arena. Im Jahre 1982, die Opernfestspiele von Verona hatten sich mittlerweile als feste Institution im sommerlichen internationalen Musikleben Italiens etabliert, entstand die Idee, diese Inszenierung der erste Stunde wieder aufleben zu lassen.
Die Initiative kam von Gianfranco de Bosio (1924-2022), einem wichtigen Akteur und Regisseur des italienischen Theaters und der Festspiele von Verona, deren Intendant er als gebürtiger Veroneser auch zweimal war. Die wiedererstandene Inszenierung von 1913 erfreute sich sofort großer Beliebtheit und wurde bisher in 22 Spielzeiten stolze 267 Mal aufgeführt – und das in Zeiten, in denen nördlich der Alpen das Regietheater seine damals noch relativ handzahme Urständ feierte. Es geht also auch ganz anders, insbesondere im opernverliebten Ursprungsland Italien. Das konnte man erst Anfang September bei einer durchaus „modern“ wirkenden, aber werkimmanent und bildstark konzipierten neuen „Turandot“ mit Anspielungen auf die chinesische Kaiserzeit durch Cecilia Lorio am Teatro Fenice in Venedig erleben.
Die Veroneser Inszenierung von 1913 basiert auf der originalgetreuen Rekonstruktion des Bühnenbilds von Fagiuoli sowie auf dokumentarischen Quellen. Die Kostüme inspirierten sich nach den frühen Figuren des Ägyptologen Mariette. Nicht nötig zu betonen, dass man die originalen Regieanweisungen Verdis eingehalten hat. Allerdings treten heute mit den äthiopischen Gefangenen keine Elefanten mehr auf, wie das wohl in den ersten Jahren einmal war. Das würde sicher auch der italienische Tierschutz nicht mehr mitmachen, ganz abgesehen von der Logistik. Aber ein goldenes Kalb aus Holz oder Plastik kam als Beutegut dann ersatzweise herein. Dafür traten ein paar berittene Schimmel auf. Großartig wirkten die bunt bemalten acht diesigen Säulen der ägyptischen Tempelanlage, die sofort an den Besuch der eindrucksvollen Tempelanlage von Karnak in Süd-Ägypten erinnerten. Die Säulen wurden, die Spielfläche insbesondere für die Auftritte von Chor und Ballett geschickt variierend, mehrfach neu positioniert. Hinzu kam eine auch auf der Riesenfläche der Arena-Bühne ausgefeilte Personenregie. Die Protagonisten waren ganz anders als in der nicht recht überzeugenden Neuinszenierung von Stefano Poda aus dem Vorjahr (die diesen Sommer auch wieder alternativ gespielt wurde) mit einer unübersichtlichen Überfrachtung von Statisten und technischen Effekten sehr gut zu sehen. Die Konzentration auf ihre sängerischen Leistungen war somit auch viel besser möglich.
Der Wettergott Petrus hatte allerdings für diese „Aida“-Aufführung nicht viel übrig. Nach einer oder zwei kürzeren Unterbrechungen versenkte er dann endgültig den 4. Akt. Aber es geht in der Arena immer um den Schutz der Musikinstrumente, weshalb bei den ersten Tropfen das ganze Orchester schon den Ausgängen zueilt, noch bevor man sie bemerkt. Das Publikum nahm aber alles relativ gelassen, und es war eine für die meisten doch sehr beeindruckende Inszenierung, vor allem auch mit guten Sängern.

Maria José Siri, Youngjun Park. Foto: enneviFoto
Maria José Siri sang die Aida mit wunderschönen Piani. Diese scheinen ihre größte Stärke zu sein, denn sie beherrscht die Technik perfekt, wie ich im letzten Jahr in einem Interview mit ihr in Verona besprechen konnte (Merker 08-09/2023). Damals trat sie gleich in drei Rollen auf und erklärte mit interessanten Details die sängerischen Unterschiede zwischen Aida, Abigaille und Madama Butterfly. Ihre Gegnerin Amneris war mit Ekaterina Semenchuk die bekannt sichere Bank mit einem charaktervollen Mezzosopran und intensiver Darstellung. Sie konnte die emotionale Spannung zwischen den beiden Frauen sehr gut akzentuieren. Gregory Kunde als Radamès war zwar stimmlich gut. Aber irgendwie passte er nicht in dieses lateinisch-italienische Ambiente hinein mit seiner zu nordischen Wirkung und auch schon einem relativ hohen Alter. Alexander Vinogradov, der hier fast jedes Jahr singt, war als Ramfis wie immer sehr gut. Youngjun Park aus Süd-Korea war ein imposanter Amonasro, sowohl stimmlich wie mit seinem souveränen Auftritt. Der König war überzeugend Giorgi Manoshvili. Francesca Maionchi sang eine mystische Sacerdotessa und Riccardo Rados war ein guter Messaggero.
Ganz ausgezeichnet und hochprofessionell waren die Balletteinlagen in der Choreografie von Susanna Egri mit den Primi Ballerini Elena Andreoudi, Denys Cherevychko und Gioacchino Starace. Sie bekamen starken Sonderapplaus. Auch der von Roberto Gabbiani einstudierte große Chor della Fondazione Arena di Verona war bestens choreografiert und sang kraftvoll transparent. Das Veroneser „Urgestein“ Daniel Oren dirigierte das Orchester della Fondazione Arena di Verona mit der für ihn typischen perfekten Kenntnis der besonderen Umstände der Riesen-Bühne und eines Teiles der Gradinate, die Hervorhebung der Solisten und der Führung des Chores. Oren ist in Verona unglaublich beliebt, beim Orchester wie beim Publikum, und das merkte man mit jedem Akt. So war die musikalische Seite dieser denkwürdigen Inszenierung in besten Händen. Langer begeisterter Applaus des vollen Hauses!
Klaus Billand

