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Apropos: Schwarz, weiß, gelb, braun…

20.01.2018 | Feuilleton

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Schwarz, weiß, gelb, braun…

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, lautet ein Grundsatz der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, und man wünschte sich, das wäre nicht nur ein idealistisches Postulat, sondern die Realität. Wie man hingegen weiß, ist die Freiheit vieler absolut nicht gewährleistet, es gibt reale Sklaverei heutzutage, es gibt die Sklaverei, in totalitären Staaten leben zu müssen, es gibt die Sklaverei, die durch ökonomische Verhältnisse hervorgerufen wird. Und ob allen Menschen ihre Würde und ihre Rechte gegeben werden, kann angezweifelt werden.

Nun hat eine größere Anzahl brutaler Kriege die Soziologie der Welt schweren tektonischen Veränderungen unterworfen, die Welt ist durch Flüchtlingsströme auf einmal durcheinander gemixt, wir leben in einer neuen Völkerwanderung, die für jedermann schwer ist –  für jene, die wandern müssen, und für jene, die ungefragt überlaufen werden. Dabei wird niemand einem Menschen sein Menschen- und Lebensrecht absprechen, vor Bedrohung an Leib und Leben, aber auch vor der absoluten Chancenlosigkeit einer Existenz davonzulaufen.

Die neue Problematik bringt allerdings viele Schwierigkeiten mit sich, allein in der Sprachregelung. Verlangt wird, dass die „anderen“, die da kommen, nicht mehr als solche definiert werden. Oder wie sonst soll ich mir den Anruf des Pressechefs von Werk X nach dem Erscheinen meiner Kritik von „Homohalal“ erklären? Wobei es ein zwar lebhaftes, aber immer höfliches Gespräch war – und ich mir komisch vorkam, im Laufe der Argumentation erklären zu müssen, ich sei keine Rassistin (das erinnert mich so sehr an das berühmte „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“ früherer Zeiten). Sind wir so weit, dass die Tatsache, dass jemand es wagt, die Hautfarbe eines anderen Menschen nur wahrzunehmen und auch nur (wertfrei) zu erwähnen, jedermann berechtigt, ihn einen Rassisten zu nennen?

Worum ging es? Nicht um meinen Verriß an sich, der sich vor allem auf eine Inszenierung bezieht, die aus allen Beteiligten wüste Hysteriker macht, statt die Geschichte zu erzählen, die der Autor sich vorgestellt hat. Nein, es ging um den Satz: „Und eine absolut irritierende Besetzung ist die Barbara mit einer Schwarzafrikanerin (Yodit Tarikwa), denn sie müsste eigentlich eine Einheimische sein, die Said einst die rettende Ehe verweigert hat…“

Wie ich dazu käme, eine Frau mit schwarzer Hautfarbe nicht als „Einheimische“ zu betrachten, fragte man mich – und außerdem sei Frau Yodit Tarikwa ohnedies Wienerin (was der Pressechef mehrfach wiederholte). Nun, ganz stimmt das laut Internet nicht, sie ist in Addis Abeba, Äthiopien geboren, als ihre Nationalität wird „Niederlande“ angegeben, als ihre Dialektkenntnisse: „Badisch (fließend), Gross-London (fließend), Wienerisch (Grundkenntnisse)“. Aber das nur zur Klarstellung, man sollte im Eifer der Argumentation nicht gänzlich Falsches behaupten, wie hier geschehen.

Aber – es ist völlig wurscht. Wie Professor Kindermann (ja, der alte Nazi) uns schon gleich zu Beginn des Studiums der Theaterwissenschaft (das damals noch eines war und eines der umfassendsten Kulturgeschichte aller Sparten, wie man es sich nur wünschen konnte) beigebracht hat: Theater ist nicht Leben. Was einer im Leben ist und was er darstellt, hat nichts miteinander zu tun. Ein „echter Wiener“ kann auf der Bühne ein miserabler Wiener sein. Und selbst wenn Frau Yodit Tarikwa eine mit Donauwasser getaufte und gewaschene Wienerin wäre, würde das nichts ändern: Auf der Bühne bedeutet ihre schwarze Hautfarbe „Migrationshintergrund“. Die Rolle der Barbara jedoch (so verrückt der Autor sie auch angelegt hat) trägt ihre Schuld, dass sie als Österreicherin hätte einen Iraker heiraten können und ihm damit die Abschiebung ersparen. Sie hat es nicht getan. Und ich grübelte schon ein wenig, wie die Ehe mit einer anderen Migrantin den Iraker  vor den österreichischen Behörden gerettet hätte. Vielleicht ging es auch anderen Zuschauern so (falls sie im allgemeinen Krawall zum Mitdenken kamen).  Egal, welch hervorragende Schauspielerin Frau Yodit Tarikwa sein mag, in diesem Konnex hat sie einfach durch ihre Hautfarbe das falsche Signal ausgesendet. Weil auf dem Theater Dinge etwas bedeuten (im Leben nicht immer). Und das sollte man auch sagen dürfen.

Der Herr der Werk X-Presse meinte allerdings, ich sehe die Dinge falsch: Natürlich seien Menschen anderer Hautfarbe und mit zweifellos anderem Hintergrund auch Österreicher. Ich habe da offenbar etwas nicht kapiert. Alle Menschen sind gleich (kein Zweifel), und ich habe einfach nicht mehr zu sehen, dass jemand von anderswo herkommt. Bald werden sie (nachdem es ja keine „Flüchtlinge“ mehr gibt) auch das Wort „Migrationshintergrund“ verbieten. Und ich frage mich, nur als Gedankenspiel, wenn ich mich jetzt in Japan niederließe, toll Japanisch spräche, dort arbeitete – ob irgendein Japaner mich als Japanerin betrachtete?

Bei uns ist das anders. Also, ein Asiat ist kein Asiate mehr, ein Indianer (pardon: Native American, der wunderbare „rote Bruder“ des Karl May) kein Indianer, ein – ich wage das Wort nicht, also ein Mensch mit schwarzer Haut kein Mensch mit schwarzer Haut mehr. Wir werden zur Farbenblindheit gezwungen (den Mund zu halten, haben die meisten von uns ohnedies schon gelernt – sonst Shitstorm! Wie man am aktuellen Beispiel sieht). Darum werden ja auch die Othello-Darsteller nicht mehr schwarz geschminkt (als ob seine Rasse – darf man das noch sagen? – nicht ein Teil von Jagos Haß und damit sein Schicksal wäre), und erst vor kurzem gab es wieder den Streit darum, dass keiner der Sternsinger sich schwarz anmalen darf (ich bin sicher, viele haben das gern getan), obwohl Caspar oder Balthasar oder welcher immer ja ein König aus Afrika sein soll.

Ist uns eigentlich klar, was wir da tun? Sagen wir damit nicht: „Schwarz darf nicht sein“? Was bedeutet das? Wäre die logische Konsequenz nicht: Schwarz darf nicht sein, weil es schlecht ist? Merken die Menschen, die dergleichen fordern, nicht, in welch gedankliches und ideologisches Chaos sie da hineingeraten? Wir dürfen nicht mehr unterscheiden, weil automatisch impliziert wird, dass Unterscheidung Diskriminierung bedeutet. Wohin sind wir geraten, wohin führen die Unterstellungen?

Um zum Ausgangspunkt, dem Telefonat des Werk X-Pressechefs, zurück zu kehren: Es steht jedermann absolut frei, jeden Migranten, der nach Österreich kommt, sofort als Landsmann zu begrüßen und zu betrachten. Wenn ich das nicht tue, wünsche ich allerdings, nicht dafür gemaßregelt zu werden. Die Freiheit der Meinung, die ich jedermann zugestehe, verlange ich auch für mich persönlich.

Renate Wagner