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Apropos: PRANGER? HEXENJAGD? VERNICHTUNGSFELDZUG?

10.01.2018 | Feuilleton

00 Apropos Renate ipse 300

Pranger? Hexenjagd? Vernichtungsfeldzug?

Noch nie war es so leicht, einen Menschen zu ruinieren. An einem Tag steht ein Schauspieler im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, bekommt einen „Golden Globe“ als bester Hauptdarsteller (ich erwähne gleich, dass ich „The Desaster Artist“ für einen ziemlich katastrophalen Film halte, aber das steht hier nicht zur Diskussion) – am nächsten Tag sagt die New York Times eine Veranstaltung mit eben diesem James Franco ab, weil zwei Damen gegen ihn Vorwürfe sexueller Nötigung eingebracht haben. Er leugnet das, was von seinem Standpunkt aus vermutlich das einzig Richtige ist, ob er aus der Affäre unbeschädigt herauskommt, ist zu bezweifeln, „angepatzt“ (nach dem Motto „Wird schon was dran sein“ und „Kein Rauch ohne Feuer“) ist er zweifellos.

Wir haben es erlebt, seit „#metoo“ zur Weltmacht wurde: die Throne stürzen, und das mit erschütternder Schnelligkeit. Was war Kevin Spacey, wenn man seine Karriere verfolgt, für ein hoch geachteter, bewunderter Mann, abgesehen von seinen Filmen als der brillante Hauptdarsteller des „House of Cards“ im Mittelpunkt aller Hollywood-Ereignisse. Und gab es einen mehr bewunderten Dirigenten als James Levine, den Mann, dem die Met mehr verdankt als jedem anderen, den Künstler, der sich im Weltrepertoire der Oper bewegte wie ein Fisch im Wasser?

Wer hoch steht, stürzt besonders tief – zwei Männer, die ihre Homosexualität nicht nur einvernehmlich mit Partnern (und von mir aus bezahlten Strichjungen, wir sind erwachsen) ausgelebt haben, sondern offenbar ihre Stellung benützten und missbrauchten, Jugendliche zu belästigen. Wenn die Welt hier nicht mehr wegsieht oder hinter vorgehaltener Hand „pfui“ sagt, sondern zur Ächtung schreitet, die mit der Vernichtung von Persönlichkeiten und Karrieren Hand in Hand geht… im medialen Zeitalter ist das leicht geworden.

Mittlerweile aber hat man entdeckt, wie perfekt man diese Missbrauchs-Vorwürfe instrumentalisieren kann. Und wenn Catherine Deneuve und die französischen Frauen es sich mit ihrer Forderung nach der „Freiheit zu belästigen“ entschieden zu leicht machen (ist das ihr Ernst???), mit einem haben sie jedenfalls recht: Heute würden Männer „zur Kündigung gezwungen, deren einziges Vergehen es ist, ein Knie berührt oder einen Kuss erhascht zu haben“.

Ja, man sollte Vergewaltigung und Nötigung aufgrund einer Machtposition nicht mit den vielleicht handgreiflichen, aber harmlosen Folgen eines Flirts gleich setzen – wo Frauen ja dann auch noch was zu sagen haben. Im Zweifelsfall „nein“.

Die Problematik ist gänzlich außer Kontrolle geraten, man kann jeden Promi heute an den Pranger stellen und allein damit ruinieren. Dieter Wedel hat sich durch sein schlechtes Benehmen viele Feinde gemacht, „#metoo“ bietet die einfache Möglichkeit, es ihm heimzuzahlen. Kann sein, dass er es verdient –Tatsache ist jedenfalls, dass sich die Medien auf dieses „Material“ geradezu stürzen, wo sind schönere Schlagzeilen? Aber der Bürgermeister von Bad Hersfeld, dessen Festspiele Wedel leitet, sprach nicht zu Unrecht von einer „Hexenjagd“, und man kritisiert zu Recht, „dass der Betroffene trotz Unschuldsvermutung medial hingerichtet wird“. Wie immer die Sache ausgeht – und Wedel leugnet ebenso vehement wie James Franco -, unbeschädigt gehen sie nicht daraus hervor.

Als Nina Proll sich in die Diskussion einschaltete, sorgte nur ihre Popularität dafür, dass sie mit ihrem Widerspruch einigermaßen durchkam, ohne selbst Schaden zu nehmen. Die Rolle der Frau zu hinterfragen? Nein, nicht dort, wo Männer vergewaltigen, also mit der brutalen Gewalt des Stärkeren Beischlaf erzwingen. Auch nicht dort, wo Chefs (das sind ja nicht nur Filmemacher, das kommt in jeder Firma vor) die Stellung einer Angestellten davon abhängig machen, ob sie ihnen zu Willen ist. Aber, wie ein Darsteller in einer Wedel-Serie sagte: „Es gab immer genügend Damen, die an Doktor Wedels Tür gekratzt haben und sich mit ihm allein treffen wollten. Keine ist ohne einen Plan zu ihm gegangen.“

Die Besetzungscouch, wenn sie als solche von beiden Seiten wahrgenommen wurde, quasi als Austausch – das ist zwar nicht schön, aber diese Freiheit muss man den Frauen lassen. Sich hochschlafen – warum nicht, wenn Männer so blöde sind, sich dermaßen benützen zu lassen?

Denken wir doch – bitte! – immer dialektisch, betrachten wir ein Thema von zwei (oder noch von viel mehr) Seiten, bevor wir in empörtes Geheule ausbrechen. Achten wir auch auf Wertigkeiten, Äpfel sind keine Birnen, es wird von vielen unterschiedlichen Dingen gesprochen. Bedenken wir auch, dass Peter Pilz grapschte, als das noch kein Verbrechen, sondern maximal ein Kavaliersdelikt war (von der Männerwelt verständnisvoll-schmunzelnd betrachtet) und man ganze Scharen von Wirtshaus-Gästen hätte in Polizeigewahrsam führen müssen, weil jeder Kunde der Kellnerin auf den Hintern tatschte, ob sie das nun als Kompliment oder Belästigung empfand. Nicht zu allen Zeiten wurde so gedacht und gehandelt wie heute, und wer sind wir, jetzt (aus der Position: Wir sind die Guten!!! Die Moralischen!!! Die einzig Wahren und Richtigen!!!) die Vergangenheit streng zu verurteilen, möglicherweise über Jahrhunderte zurück? Denken wir auch ein bisschen historisch – dass die Zeiten sich ändern. Wenn auch selten so gewaltsam wie heute, wo wir uns gleichsam in einem rasenden Rad befinden, das sich immer schneller dreht…

Die „Hexenjagd“ ist vermutlich noch lange nicht ausgestanden, aber die Reizlatte liegt immer höher. Wenn es nicht gelingt, mindestens Obama, Prinz Charles oder Trump der Nötigung oder Vergewaltigung zu überführen, werden die Schlagzeilen schwächer, wird das Thema uninteressanter werden. Auch das ist ein Zeichen unserer wirklich schrecklichen Medienwelt. Eines steht jedenfalls fest: Böse, sehr böse Mittel werden benutzt, das Böse zu bekämpfen.

Renate Wagner

 

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