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Antonio Cesti: L‘ORONTEA – Live Aufnahme der Premieren-Serie der Frankfurter Erstaufführung 2015; OEHMS CLASSICS 3 CD

04.03.2017 | cd

Antonio Cesti: L‘ORONTEA – Live Aufnahme der Premieren-Serie der Frankfurter Erstaufführung 2015; OEHMS CLASSICS 3 CD

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Hoch unterhaltsame, prall saftige Barockrarität dank der herausragenden musikalischen Leitung durch Ivor Bolton und eines prächtig singenden Ensembles

Der Karnevalstradition verdanken wir einige der schönsten Barockopern überhaupt. So auch L‘Orontea aus der Feder des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Antonio Cesti. Die Premiere von L’Orontea fand 1656 in Innsbruck am Hof des opernbegeisterten Erzherzogs Ferdinand Karl von Tirol, Enkel des Herzogs Ferdinand von Toskana, statt. Und ist damit ein echtes Stück kaum bekannter österreichischer Operngeschichte. Der Erzherzog von Tirol wollte in Innsbruck ein vergleichbares Opernleben begründen, wie er dies von den Fürstenhöfen in Mantua, Florenz, Ferrara oder Parma kannte. Dazu erwirkte er bei der Kirche die Freistellung des Franziskanerbruders Antonio für die Dauer von fünf Jahren und engagierte Cesti als Direktor für weltliche Musik sowie als Impresario einer italienischen Opernkompanie. In Innsbruck wurden neben L‘Orontea noch die Cesti Opern „La Cleopatra“, „L‘Argia“ und „La Dori“ aufgeführt. Noch bekannter wurde Cesti aber als Komponist der Oper „Il Pomo d‘Oro“, die er anlässlich der Vermählung von Kaiser Leopold I mit Margarita Teresa von Spanien schrieb, ein zweitägiges Opernspektakel mit über 50 Solisten.

Der Mitschnitt aus Frankfurt lässt nachvollziehen, warum Cestis Oper mit rein musikalischen Mitteln abseits der trashigen Inszenierung des Walter Sutcliffe, die in manchen Ekelszenen sogar das Dschungelcamp locker in den Schatten gestellt haben soll, so erfolgreich war: Es ist ein Stück höchst unterhaltsames Musiktheater, das uns Cesti mit L‘Orontea, einer Vorläuferin der Opera Buffa, beschert. Es geht um die alte Machtfrage zwischen Pflicht und Liebe, die Vorherrschaft letzterer anhand des Schicksals der  ägyptischen Königin Orontea beispielhaft in Szene gesetzt wird. 

Die freiheitsliebende Orontea (Paula Murrihy) zieht es vor zu regieren, anstatt zu heiraten. Bis, ja bis ein prächtig schöner, schwer verletzter Mann am Hofe auftaucht, der alle Herzen im Sturm erobernde Maler Alidoro (Xavier Sabata), dem von Tibirino (Juanita Lascarro) das Leben gerettet worden war. Da gibt es aber noch ein zweites Paar, Corindo (Matthias Rexroth) und Silandra (Louise Alder). Silandra nimmt es mit der Treue offenbar nicht so Ernst und interessiert sich ebenfalls sofort für den knackigen Alidoro. Der hatte aber zuvor schon der phönizischen Prinzessin Arnea an deren Hof den Kopf so verdreht, sodass er sich zur Flucht gezwungen sah. Die gute Orontea muss jetzt das Kunststückl zustande bringen, alle Rivalinnen auszuschalten. Wie Toscas Cavaradossi die Attavanti, so malt Alidoro die entzückende Silandra. Nach allerlei Eifersüchteleien verspricht Orontea dem Geld und Macht offenbar nicht abgeneigten malenden „Plebejer“ die Heirat, was seine Liebe zu Silandra augenblicklich abkühlen lässt. Nach allerlei reumütigen Briefen, Medaillons als Gegenleistungen für Küsse usw., stellt sich heraus, dass Alidoro in Wahrheit der direkte Nachkomme des phönizischen Königs Sidonio, damit Bruder Arneas ist und Floridano heißt. Natürlich dürfen in dem ganzen travestierenden Erotikspiel auch schräge Typen, wie der meist sturzbetrunkene Diener Gelone (Simon Bailey) oder die von einem Tenor gesungene alte Aristea (Guy de Mey), die sich für die als männlicher Krieger verkleidete Giacinta (Kateryna Kasper) interessiert. Der Hofphilosoph Creonte (Sebastian Geyer) fügt sich final ins unvermeidliche „Happy End“ mit Doppelhochzeit.

Der Löwenanteil am Gelingen des musikalischen Abenteuers kommt trotz aller prächtigen Vokalleistungen wohl dem Dirigenten Ivor Bolton zu, der nicht nur höchst lebendig und animiert die krude Handlung mit instrumentalen Wonnen ausstaffiert. Bolton hat auch die Instrumentierung besorgt. In den überlieferten Partiturabschriften finden sich nämlich keine Hinweise auf das verwendetete Instrumentarium. Bolton entschied sich für eine für damalige Verhältnisse reiche Orchestrierung. Die Rezitative werden passend jeweils von einer Orgel, einem Cembalo oder einer Theorbe begleitet. Das erlaubt es, die Situationskomik noch einmal von den Klangfarben her zu schärfen. Aber auch berührende Momente, vor allem der Titelheldin, fehlen in der Oper nicht. 

Kein Wunder, dass L’Orontea neben Francesco Cavallis Oper La Giasone als eine der erfolgreichsten Oper des späten 17. Jahrhunderts gilt. Anhören und genießen!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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