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Antonín Dvořák: DIE GEISTERBRAUT – Kantate für Soli, Chor und Orchester Op. 69, CAPRICCIO CD – Live-Aufnahme aus dem Wiener Konzerthaus Juni 2016

01.05.2017 | cd

Antonín Dvořák: DIE GEISTERBRAUT – Kantate für Soli, Chor und Orchester Op. 69, CAPRICCIO CD – Live-Aufnahme aus dem Wiener Konzerthaus Juni 2016

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Eine gar gruselige und für heutige Verhältnisse wohl ziemlich abstruse literarische Vorlage von Karel Jaromir Erben hat Dvořák zu einer dramaturgisch meisterlichen Partitur inspiriert. Das in achtzehn Nummern gegliederte Werk ist kurz vor der 7. Symphonie entstanden und somit der Reifezeit des Komponisten zuzuordnen. 

Die katholische Horrorballade mit Semi-Happyend handelt von einer jungen Frau, die sich ihren Geliebten, der offenbar gefallen ist, zurück wünscht. In einem Gebet an Maria macht sie klar, dass sie sterben wolle, wenn er nicht zu ihr zurückkehrt. Eine klassische Ausgangslage für das was folgt. Die solcherart schmerzlich Umnachtete folgt also einer männlichen Erscheinung, einem Toten-Untoten, einer Art satanischem Geist (in Wahrheit ihrem Geliebten?), in einer „wilden Jagd“ durch die Nacht. Die Reise, auf der sie das Kruzifix, einen Rosenkranz und ein Gebetbuch verliert, geht zum Friedhof. Dort in einem Gebet ihr Tun bereuend, wird ihr vergeben und „die ersten Sonnenstrahlen verkünden den Beginn eines neuen Tages. Nur ein zerrissenes Hemd des Geliebten bleibt auf den Gräbern zurück.“ Ein irrer Kitsch, der aber den Komponisten zu wunderbarer hochromantisch-böhmischer Musik anleitete. 

Drei Solorollen sind dem Mädchen (Sopran), dem Toten (Tenor) und einem Erzähler (Bassbariton) zugeordnet. Gesungen wird auf der Aufnahme von einer ausschließlich tschechischen-slowakischen Besetzung gut bis exzellent. Überaus wohlklingend legt Pavol Breslik als schwärmerisch intensiver „Toter“ los, sein lyrischer Tenor mit heldischem Ansatz klingt ganz nach jungem Verführer, dämonische Farben sind ihm nicht eigen. Letztere hat dafür der Erzähler Adam Plachetka im Übermaß. Seine Stimme erinnert an den jungen Bryn Terfel. Plachetkas viril schöner Bassbariton ist breit, vielleicht allzu breit geführt. Manchmal scheint es ihm Mühe zu machen, sein beeindruckendes Material fokussiert zu halten. Die Partie des Mädchens ist Simona Šaturová anvertraut, einem dramatischen Koloratursopran. Sie singt technisch tadellos, das Timbre ist allerdings wenig mädchenhaft und ihr Sopran neigt in der Höhe zu Härten. 

Eine ganz wesentliche Aufgabe in der Kantate kommt dem Chor zu. In zwölf Nummern kommentiert und dramatisiert er das Geschehen aus dem Off. Die Wiener Singakademie zeigt sich in voller Form. Heinz Ferlesch, der die Geschicke dieses traditionsreichen Wiener Konzertchors seit beinahe 20 Jahren mit hohem persönlichem Engagement steuert, hat sowohl von der Phrasierung, der Wortausdeutung, der klanglichen Ausgewogenheit der Stimmgruppen als auch der dramatischen Wucht des Klangs wieder einmal beste Einstudierungsarbeit geleistet. Gemeinsam mit Johannes Prinz vom Wiener Singverein hält er die Wiener Chortradition hoch. Diesen beiden wunderbaren Ensembles aus Amateuren gelingen immer wieder Konzerte, die bisweilen sogar professionelle bzw. semi-professionelle Chöre in den Schatten stellen. So viele Orden/Ehrenzeichen gibt es gar nicht, die man diesen beiden großen Chorerziehern aus Dank für ihren langjährig erfolgreichen Einsatz umhängen müsste.

Beim ORF Radio-Symphonie-Orchester unter Cornelius Meister ist der hochromantische Instrumentalpart in besten Händen. Manchmal hängen die Spannungszügel ein wenig durch, insgesamt ist von einer adäquaten, atmosphärisch dichten Umsetzung der Partitur zu berichten. Dass auch die klangliche Seite der Unternehmung gut gelungen ist, was ja bei den ORF-Aufnahmen beileibe keine Selbstverständlichkeit ist, ist wohl dem derzeit besten Tonmeister in Wien, Erich Hofmann, zu verdanken. Eine Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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