Annaberg-Buchholz/Eduard-von-Winterstein-Theater: Deutsche Erstaufführung: „FALSTAFF“ – NICHT VON VERDI, SONDERN VON MICHAEL WILLIAM BALFE – 29.12.2022
Während an den großen Opernhäusern immer wieder die gleichen Opern neu inszeniert werden, wagen sich die kleineren Theater an Neuentdeckungen und heben dabei mitunter wahre Schätze, wie das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz, einer von der Bergbau-Tradition geprägten und an Rechenmeister Adam Ries erinnernden Stadt im Westerzgebirge. Mit der Deutschen Erstaufführung der Oper „Falstaff“ (Pr.: 17.9.2022), nicht von Verdi oder Nicolai, sondern von dem irischen Komponisten, Violinisten, Opernsänger und Dirigenten Michael William Balfe (1808-1870) brachten sie eine Rarität auf die Bühne, deren Wiederentdeckung sich unbedingt gelohnt hat.
Einst weltweit, selbst in den USA als Opernkomponist und unter anderem auch in Österreich als Dirigent bejubelt, geriet Balfe mit seiner Musik bald in Vergessenheit, doch hat letztere, wie man sich überzeugen konnte, nichts von ihrer zündenden Wirkung eingebüßt. 55 Jahre bevor Verdi den Stoff nach William Shakespeares Theaterstück, an Richard Wagner orientiert, 1893 vertonte, setzte Balfe, der 28 Opern, Balladen, Lieder und Kammermusik schrieb, das Libretto von S. Manfredo Maggion 1838 nach dem Vorbild von Rossini, den er als Sänger von dessen Opern kennenlernte, und Donizetti um. Letzteres soll auch der Grund gewesen sein, weshalb seine Opern von den Bühnen verschwanden, obwohl er später auch einen eigenen Stil entwickelte.
Es waren übrigens nicht die einzigen Opern über den wohlbeleibten, trinkfreudigen und sich selbstüberschätzenden Ritter (alter Adel, leicht heruntergekommen), den Shakespeare selbst gleich zweimal verwendete, als Rahmenhandlung für „Heinrich IV.“ und als Hauptfigur seines Dramas „Falstaff“, auch Antonio Salieri und Adolphe Adam bedienten sich des Stoffes.
In Annaberg-Buchholz wurde Balfes „Falstaff“ von Christian von Götz inszeniert, der auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, eine Mischung aus sehr eigenwillig interpretierter Commedia dell’arte , Karneval, Harlekinade, Zirkus, Varieté, Clownerie, riesigem Bartresen, Sex-Outlook und schräger Moderne, großkariert gemustert und mit stürzenden Linien – alles Gaudi auf der Drehbühne, mit der es „rund geht“, sehr zur Freude des Publikums im vollen Zuschauerraum, nur der eigentliche Witz der Handlung kommt dabei ziemlich kurz.
Die Arien wurden italienisch gesungen – ein Novum an diesem Theater – und die Secco-Rezitative und ein Sonett ins Deutsche übersetzt , zur kommentierenden Handlungsbeschreibung umgebaut und einem jugendlich-feschen „Fräulein Zirkusdirektor“ in Frack und Zylinder (Nadja Schimonsky) in den Mund gelegt, die sie, jung, schlank und charmant, gut artikuliert über die Bühne brachte und „nebenbei“ auf einem Schein-“Trapez“ aus roten Bändern auch kleine artistische „Kunststücke“ vorführte, die danach der kräftige, kraftvoll singende Falstaff (László Varga) andeutungsweise nachzumachen versuchte. Er war zwar indisponiert, sang aber, um die Vorstellung zu retten und konnte durchaus überzeugen.
Das internationale Solistenensemble bestand aus jungen Sängern mit guten Stimmen und Belcantotechnik, die ihre sehr anspruchsvollen Aufgaben sehr gut erfüllten. Eunson Lee begeisterte und berührte gleichzeitig mit ihrem fließenden, perlenden Gesang, dem auch ein zartes Gefühl nicht fehlte, als zierliche, fast zerbrechlich zarte Rosa Ford mit ihrem außerirdischen Handpuppen-“Kind“ und einem eifersüchtigem Ehemann Mr Ford, dem Jason-NandorTomory mit erstaunlicher Kondition und glaubhafter Darstellung Leben einhauchte.
Wjatscheslaw Sobolev musste als Fenton immer im Narrenkostüm herumlaufen, obwohl er doch einer der wenigen Ernstzunehmenden im Stück ist. Während seiner großen, sehr anspruchsvollen Arie von Liebesleid und Liebesfreud in spe musste zur „Auflockerung“ ein „Pferd“, das heißt eine Mischung aus Pferd und Einhorn mit dem Fell einer gefleckten Kuh als echtes altbewährtes „Theaterpferd“ (Christian Harnisch, Clemens Leibelt, Lars Riedel), das bei Shakespeare nur erwähnt wird, weil es Falstaff mit seiner Körperfülle zu Schanden geritten haben soll, leibhaftig über die Bühne traben und zur Musik tänzeln. Sobolev ließ sich jedoch nicht beirren, stellte sich den hohen Gesangs-Anforderungen und sang mit bewundernswerter Konzentration, schöner Stimme und Höhensicherheit. Schließlich drückte er dem Gaul-Einhorn noch im 1. Akt eine Blume vom Bartresen ins Maul, die es im 2. Akt bei Annetta ablieferte, ein Regie-Einfall mit Langzeit-Effekt!
Seine angebetete Annetta (Maria Rüssel) mutierte von der braven, ballettbeflissenen Tochter zum Sex-Girl auf dem Seil-“Trapez“, später parallel dazu auch Fenton auf ebensolchem – wie zwei Verliebte auf zwei verschiedenen Planeten beim innigen Liebes-Duett. Als Annettas Eltern fungierten Heain Youn mit dramatischem Anspruch als Mrs Page und Jinsei Park, der als Mr Page nur wenig Gelegenheit hatte, seine dunkle, warme, voluminöse Stimme hören zu lassen, und als quicklebendige Mrs Quickly Mira Sanjana Sharma.
Der Opernchor des Eduard-von-Winterstein-Theaters (Jens Olaf Buhro/Daniele Pilato) fügte sich stimmig und zuverlässig in den musikalischen Ablauf ein. Die Choreografie (Leszek Kuligoski) lockerte die Szenen auch mit verschiedenen kleinen sportlichen oder zirzensischen Einlagen auf und sorgte für einen „flüssigen“ Handlungsablauf. Die Erzgebirgische Philharmonie Aue spielte unter der Leitung von Jens Georg Bachmann sehr zuverlässig und unterstützte die Sängerinnen und Sänger bei ihren umfangreichen Gesangsnummern.
Das Publikum war begeistert und applaudierte auch gern auf offener Szene. Vielleicht hätte etwas weniger Turbulenz auf der Bühne bei der noch Statisten ohne handlungsbedingte Funktion zwecks „Illustration“ mitwirkten, den ausgiebigem Belcanto-Gesang („schöner“ Gesang), der auch Gefühle und Stimmungen auszudrücken vermag, noch mehr zur Geltung kommen lassen – die sehr guten Leistungen der Sängerinnen und Sänger hätten es verdient – aber das ist Geschmackssache.
Ingrid Gerk

