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Anna Andrejewna Achmatowa – Die Königin der russischen Poesie

04.03.2026 | Themen Kultur

INFOS DES TAGES (DONNERSTAG, 5. MÄRZ 2026)

Anna Andrejewna Achmatowa – Die Königin der russischen Poesie

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Anna Andrejewna Achmatowa. Della-Los KardowsKaja  (1914. Tretjakow.Galerie)

(13. Juli 1889 – 5. März 1966)

Zum 60. Todestag

Ich bin im gleichen Jahr geboren wie Charlie Chaplin, Wie Tolstójs „Kreuzer-Sonate“, der Eiffelturm und wohl Eliot. In jenem Sommer feierte Paris die hundertste Wiederkehr des Sturms auf die Bastille – 1889. In der Nacht meiner Geburt wurde und wird die Johannisnacht gefeiert. Anna nannte man mich zu Ehren meiner Großmutter Anna Jegorowna Motowilowa. Ihre Mutter, die tatarische Fürstin Achmatowa, stammte aus dem Geschlecht der Tschingisiden ohne zu ahnen, dass ich eine russische Dichterin werden würde, nahm ich mir ihren Namen als mein literarisches Pseudonym. So beginnt Anna Achmatowa ihre autobiographischen Skizzen „Pro domo mea“. Als sie dies schreibt, gilt sie längst als die russische Dichterin des 20.Jahrhunderts, zusammen mit der früh verstorbenen, so gegensätzlichen Marina Cvetaeva. 

Anna Andrejewna Achmatowa, richtiger Name Gorenko, wurde am 11. nach gregorianischem Kalender, am 23.Juli 1889 am Bolschoi – Brunnen von Odessa geboren. Der Vater war Maschinenbauingenieur. Seit 1890 lebte ihre Familie in Zarskoje Selo, wo Annan Andrejewna am Mariinski-Gymnasium studierte, und wo sie die Sommer meist mit ihrer Familie in der Nähe von Sewastopol verbrachte. Schon in ihrer frühsten Jugend begann sie sich für die Werke Puschkins zu interessieren und schrieb bereits mit elf Jahren ihr erstes Gedicht. „Ich habe das Lesen nach dem Alphabet von Leo Tolstój gelernt“ sagte sie später und wo sie sich als Kind schon autodidaktisch vieles selbst beibrachte. 1905, nach der Scheidung ihrer Eltern, Anna war sechzehn Jahre alt, zog sie mit ihrer Mutter und Geschwister nach Jewpatoria und dann nach Kiew, wo Anna 1907 ihren Abschluss am Fundukleev-Gymnasium machte.

Schon währen ihrer Gymnasialzeit in Zarskoje Selo, schrieb Achmatowa ca. 200 Gedichte, die bis in unsere Zeit überliefert sind, sie stammen aus den Jahren 1904 bis 1905. Bereits mit Dreizehn lernt Anna, den um drei Jahre älteren Gumilyov, Nikolai Stepanowitsch kennen. Er studierte ebenfalls am selbigen Gymnasium, wo sie nicht nur ihre literarischen Interessen teilten, sondern sich auch ineinander verliebten. 1910 drei Jahre nach ihrem Gymnasialabschluss und einem Studium (1908-1910) an der juristischen Fakultät der höheren Frauenstudiengänge in Kiew, heiratet sie ihre Jugendliebe. Die Frischvermählten verbringen einen Monat in Paris. Nach ihrer Rückkehr nach St. Petersburg nahm Anna an den literarischen Kursen von Raev teil. Inzwischen hatte sie bereits ihr erstes Buch mit zahlreichen Gedichten veröffentlicht. Gumilyov, selbst als Dichter und Dramatiker tätig, organisierte Lesungen und führt Anna in literarische Kreise ein. Zu dem Zeitpunkt veröffentlichte er sein erstes Werk „Der Weg des Konquistadoren“, das von dem Literaturkritiker der russischen Symbolik V.Bryusov, der außerdem selbst Dichter und Schriftsteller war, sehr geschätzt wurde.

In Paris gründete Gumilyov die Zeitschrift Sirius, besuchte Ausstellungen, lernte französische und russische Schriftsteller kennen. In der Zeitung wurden gleichfalls die Gedichte von Achmatowa herausgegeben, die dann in separaten Sammlungen veröffentlicht wurden. Sie schließt sich ebenfalls der Gruppe der Dichter an, die sich zum Akmeismus bekennen um gleichzeitig die Prinzipien der Symbolik und die Tradition der klassischen Lyrik, nun auch in ihrer Arbeit fortzusetzen.

Im Frühjahr 1911 reist Achmatowa erneut nach Paris und verbleibt dort einige Monate. 1912 fährt sie durch Norditalien, wo sie von der Gegend derart beeindruckt war, dass gleichzeitig für sie als Quelle und Inspiration diente, wo sie über den Zauber der Landschaft mehrere Gedichte schrieb. Im Jahre 1912 erscheint ihr erster Gedichtband „Abend“. Ein überwältigendes Debüt. Im selbigen Jahr wird auch ihr Sohn Lev geboren. Mit den folgenden, in politischen Krisenzeiten entstandenen Gedichtbänden „Rosenkranz“ (1914) und „Weiße Schar“ (1917) wird Achmatowa vollends zum Mythos: Man bewundert ihren souveränen Stil und ihrer Erscheinung von herber Schönheit und Noblesse, die sich so selbstverständlich gegen die Vulgarität der Zeit behaupten; man malt, modelliert, fotografiert und besingt sie wie keine andere. Nach Joseph Brodsky Behauptung würden „die von ihren gewidmeten Gedichten mehr Bände füllen als ihre eigenen gesammelten Werke“, und was die Achmatowa-Porträts betrifft, so stammen sie aus den geübten Händen von Amedeo Modigliani, Jurij Annenkow, Kusma Petro-Wodkin, Natan Issajewitsch (Maler und Bühnenbildner) Altman und vielen anderen. 

Zwischen Alexander Blok, Dichter des Symbolismus, galt die engere Beziehung, die Achmatowa immer als platonisch, „ausschließlich poetisch“ bezeichnete, eher als eine Art Inspirationsquelle wo man sich gegenseitig literarisch beflügelte. Auch von Alexander Blok gibt es eine Reihe von Gedichten, die der Achmatowa gewidmet waren.

Als ihr Gedichtband „Die weiße Schar“ 1917 erscheint, begann es überall in Europa aber auch in Russland bereits politisch zu brodeln. In diesen historisch unruhigen Zeiten und mit dem Beginn der Revolution schmälerte sich auch der Verkauf ihrer Bücher. Achmatowa verurteilte die Oktoberrevolution und war über dessen verheerende Folgen entsetzt: „Alles wurde geplündert, verraten, verkauft“…“alles wurde von hungriger Sehnsucht verschlungen.“ Jedoch verließ Achmatowa Russland nicht, sie lehnte „die bequemen Stimmen ab“ die in ein fremdes Land liefen, wo viele ihrer Zeitgenossen landeten, so als auch Bunin, Balmónt, Ivánov und viele andere. Über ihre Entschlossenheit das Land nicht zu verlassen, symbolisiert, ein mit Stolz erfülltes, patriotisches Gedicht:

Ich bin nicht eine von denen, die ihr Land verlassen

Für die Gnade des Feindes. Ich war taub, ihrer brutalen Schmeichelei.

Ich werde ihnen nicht gewähren meine Lieder.

Aber für mich ist das Exil immer elend,

wie ein Sträfling oder Patient.

Wanderer, deine Straße ist dunkel,

und das Brot der Fremde schmeckt bitter.

Aber in dem blendenden Rauch der Flammen,

Die Zerstörung der Überreste der Jugend,

Wir haben es abgelehnt, zu umgehen

Einen einzigen Schlag gegen uns.

Und wir wissen, dass in der endgültigen Abrechnung

Jede Stunde wird gerechtfertigt stehen…

Kein Mensch auf der Erde vergoss mehr Tränen,

War einfacher oder mehr mit Stolz erfüllt.

_

Nach der Revolution arbeitete Achmatowa in der Bibliothek des Agrarinstituts, jedoch ohne ihre kreative Tätigkeit einzustellen. 1921 veröffentlichte sie die Gedichtsammlung „Wegerich“ und 1922 das Buch „Anna Domino“, indem sie im letzteren Werk – trotz allem – sich klar für ihre Heimat und gegen die Emigration entscheidet; danach kann sie, von der Parteikritik als konservativ verschriene, bis 1940 kein Buch mehr herausbringen.

Ihr Mann Nikolai, obwohl vom Militärdienst freigestellt, zog in den ersten Tagen des 1. Weltkriegs freiwillig an die Front. Nach Ende des Krieges und nach der Auflösung des ihm zugewiesenen Amtes des Militärs Kommissars, ging er zunächst nach London und kehrte von dort wieder nach Russland zurück. Während seiner Kriegsjahre fand er immer noch die Zeit seine literarische Arbeit fortzusetzen, wo die Sammlung „Quiver“, die Theaterstücke „Gondla“ und „Piosoned Tunic“, unter anderem die Essayreihe „Notizen eines Kavalleristen“ die in den Wirren des Krieges entstanden sind, und nach seiner Rückkehr veröffentlicht wurden. Er zählte inzwischen zu den bedeutendsten Schriftstellern des damaligen Petrograd. Er veröffentlichte seine, aber auch die Arbeiten anderer Schriftsteller im Verlag „Weltliteratur“, hält Vorträge und übernimmt 1921 die Leitung des Dichterverbands, wo er sich insbesondere als Mentor für den Nachwuchs junger Dichter einsetzte.

Den Kontakt zu ihrem Ehemann Gumilyov hatte die Achmatowa seit jener Zeit schon lange abgebrochen, wo sich beide aufgrund der Trennungen, und auch im Bezug des Krieges, sich vermutlich fremd geworden sind, und wo Anna 1918 die Scheidung eingereicht hatte. „Die Scherben ihres Lebens“ waren schon lange zerbrochen und doch schreibt die Dichterin, unter ärmlichen Lebensbedingungen, unermüdlich weiter. Versucht ihre ganze Verletzbarkeit, die sie schon als Kind ertragen musste, in ihren Gedichten auszudrücken. Hinter jedem geschriebenen Wort, hören wir die Schreie der Verzweiflung und der Enttäuschung, aber auch der Leidenschaft, der Liebe, der Zuneigung die sie zu Menschen und Dichter Kollegen hegte. Das Schreiben war für sie eine Art Sucht von der man nur schwer loszukommen schien, die gegenwärtige Tragödie des eigenen Bewusstseins, dass man sich von der Seele schreiben musste. Ihre klassische Poesie, verbunden mit den Traditionen des russischen Realismus sagen mehr als Worte – sie lassen einen das erfühlen das was einen Menschen bewegt. Einerseits waren ihre Gedichte ausgesprochen weiblich, so voller Zärtlichkeit, andererseits aber auch voller Zerbrechlichkeit, Zerbrochen-heit und Tragik.

Ihr erster Ehemann wird 1921 wegen angeblicher konterrevolutionärer Aktivitäten von der Tscheka erschossen. Hier schreibt sie: „Nein Du wirst nicht wieder wach…Dort im Schnee nicht mehr. Bajonette zwanzigfach, Fünfmal das Gewehr.“

Danach beginnt sie eine Beziehung mit dem Mosaizisten Boris Anrep, einen bekannten Mosaikkünstler mit deutsch-baltischen Wurzeln, einzugehen, der sie dazu bewegen will, mit ihm ins westliche Ausland zugehen, aber sie will ihre Heimat und ihr Volk nicht verlassen. Ihre nächste Liebe, der Literaturkritiker N.W.Nedobrowo stirbt 1919 an einer Schwindsucht, und nach einer zweiten, aber unglücklichen Ehe mit dem Assyriologen (Wissenschaftler von Sprache und Kultur des alten Orients) und Übersetzer Nikolai Punin, der ihre Gedichte zum Teil verbrannt haben soll, lebt sie in angespannten Verhältnissen. Zumal sie in einer Wohnung mit Punins Noch-Ehefrau und deren Tochter zusammenwohnt. Dazu kamen die schlechten sozialen Verhältnisse wo Achmatowa oft nur von Tee und Brot leben musste, wobei sie aber ihr Selbstbewusstsein und ihre schriftstellerische Arbeit nie aufgab.

Sowohl ihr Sohn aber auch Punin werden in den 1930er Jahren mehrfach verhaftet. Ihr Sohn wird nach dem anfänglichen Todesurteil in die Verbannung geschickt, und erst im April 1956, nach Stalins Tod, endlich wieder nach Hause zurückkehren. Ihr Ehemann Punin starb 1953 im Arbeitslager Workuta, eines der härtesten Zwangsarbeiterlager des Gulags das übrigens noch bis in den sechziger Jahren in Betrieb war.

In „Requiem“ das Achmatowa zu schreiben begann, und dass ein einziges Klagelied gegen den „Stalin – Terror“ ist, schrieb sie anstelle eines Vorworts folgenden kurzen Prosatext: In den schrecklichen Jahren des Justiz-Terrors unter Jeshow habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise „erkannte“ mich einmal jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die meinen Namen natürlich nie gehört hatte, aus jener Erstarrung, die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage (dort sprachen alle nur im Flüsterton): „Und Sie können dies beschreiben?“ Und ich sagte: „Ja“ Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.

Für Achmatowa waren diese Jahre ein nicht endender Albtraum. Sie rechnete stets damit, dass an ihrem Sohn das Todesurteil vollstreckt würde. Als ihr Sohn in ein weiteres nördliches Lager verlegt wird, und sie bei Bekannten um Mütze, Schal und Stiefel bettelt, um ihn dort ein Überleben zu ermöglichen, wünscht sie sich in einem Gedicht schon selbst den Tod: „Du kommst ja doch einmal – so komme jetzt zu mir – Ich kann mein Schicksal nicht mehr tragen. Ich hab das Licht gelöscht. Ich öffne Dir die Tür.“ Im Epilog Requiem schreibt sie: „Ich kannte viele früh gewelkte Frauen – von Schrecken, Furcht, Entsetzen ausgeglüht. Des Leidens Keilschrift sah ich eingehauen, auf Stirn und Wangen, die noch kaum geblüht“.

Anna Achmatowa ist zur Geschichtsschreiberin geworden. In ihren „Nördlichen Elegien“, aber vor allem im Gedicht – Triptychon „Poem ohne Held“ (1940-1962) entfaltet sie eine verwirrende Stimmen-Polyphonie, um Vergangenes heraufzubeschwören, dem Vergessen zu entreißen. Ihre Themen sind: die Zeit, die Erinnerung, der Tod, wobei sie um das Paradox weiß, dass das Vergehen der Zeit in der Prosodie des Verses zum Stillstand kommt, vorausgesetzt, „jedes Wort in der Zeile steht an seiner Stelle, als stünde es dort schon tausend Jahre, aber der Leser hört es zum ersten Mal. Der Weg ist schwer, aber wenn er gelingt, sagen die Leute: “Das geht um mich, als hätte ich das geschrieben“. Des Weiteren aus ihrem Gedicht Requiem wie folgt.

Nein, nicht unter einem fremden Himmel,

Nein, nicht von ausländischen Flügeln gewiegt,

denn mit meinem Volk war ich,

mit meinem Volke trauernd.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges (Vaterländischer Krieg) musste sie von Leningrad nach Moskau fliehen, und wird dann nach Taschkent evakuiert, wo sie bis 1944 lebte. In den Krankenhäusern unterhält sie die Verwundeten mit Dichterlesungen, schreibt Aufsätze über Puschkin und über die Architektur. Während der Kriegsjahre entstehen weitere Gedichte wie „Favorites“ (1943) und ein tiefes patriotisches Thema „Eid“ (1941) „Mut“ (1942) und „Risse im begrabenen Garten“ (1942). Im Juni 1944 kehrt Achmatowa wieder nach Leningrad zurück, und schreibt den Prosaessay „Drei Fliederbäume

Und das glückliche Wort „Heimat“

Heutzutage ist jedem fremd,

alles Blicke von einem fremden Fenster.

 

Einige in Taschkent, einige in New York,

und die harte Luft des Exils-

Wie giftiger Wein, geschwollen.

Im Jahr 1946 wird Achmatowa grausamer und unfairer Kritik ausgesetzt. Vom Parteisekretär Schdanow wird sie als „Nonne und Hure“ beschimpft und im Rahmen des ZK-Beschlusses vom Schriftstellerverband ausgeschlossen, wo zwei Gedichtbände von ihr eingestampft werden. Als ihr Sohn zum dritten Mal deportiert wird, vernichtet sie aus Angst mehrere Prosamanuskripte und Theaterstücke. Ihre Rehabilitierung erfolgt erst 1956, jedoch die Aufhebung des ZK-Beschlusses erst über zwanzig Jahre nach ihrem Tod. Und zwar unter der Regierung Gorbatschows, der auch die Publikation des „Requiems“ freigegeben und die Gründung eines Achmatowa – Museums in St. Petersburg ermöglich hatte.

Nach ihrem Tod am 5.März 1966 in Moskau, wird Achmatowa zur Symbol-Figur des geistigen Widerstands. Ihr Grab zwischen den karelschen Föhren in der kleinen Ortschaft Komarowo Nahe St. Petersburg, ist zu einem Pilger Ort geworden. 1964 noch zwei Jahre vor ihrem Tod erhält Achmatowa in Oxford die Ehrendoktorwürde, danach reist sie kurz nach Italien und Paris, besucht ihre alten Freunde, und empfängt junge Lyriker darunter auch Joseph Brodsky, der seiner so verehrten Freundin neun Gedichte widmete.

_Manuela Miebach

 

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